Auf den Spuren von Giovanni Falcone

Entdeckungsreise zu den Wirkungsstätten des bekannten Mafia-Jägers in Palermo

Giovanni Falcone ist einer der bekanntesten Mafia-Jäger Siziliens. Sein Leben, seine Arbeit und seine Ermordung wurde in vielen Publikationen ausführlich beschrieben. Diese vielen Details machen es allerdings schwer, etwas mehr über Giovanni Falcone zu erfahren, ohne gleich Mafia-Experte werden zu wollen.

Genau hier setzt dieser Artikel an. Er beschreibt einige zentrale Wirkungsstätten von Giovanni Falcone in Palermo und ermutigt dazu, sie zu besuchen. So eröffnet sich gleichzeitig ein für Touristen eher untypischer Blick auf Palermo.

Veröffentlicht am:  27. November 2010

Letzte Änderung:  03. Februar 2013

Autorin:  

 

Sizilien bereisen – Palermo erkunden

Um den Spuren Giovanni Falcones folgen zu können müssen Sie natürlich zuersteinmal nach Sizilien reisen. Aus Österreich, der Schweiz und Deutschland fliegen verschiedene Linien die sizilianischen Flughäfen Catania, Palermo und Trapani an.

Eine Unterkunft in Palermo oder Umgebung zu suchen macht nicht nur wegen Giovanni Falcone Sinn:

Die Stadt bietet die größte Vielfalt kultureller Einrichtun­gen auf Sizilien, eine Architektur, deren Bogen sich von den alten Römern bis in die Neuzeit spannt und nicht zuletzt ein interessantes Nachtleben: Palermo ist eine der Jazz-Metropolen Italiens.

All diejenigen, die lieber in einer ländlicheren Umgebung – zwischen Bergen und Meer – Urlaub machen, finden direkt vor den Toren der Stadt kleine private Buchten direkt am Golf von Palermo, aber auch große Naturschutzgebiete, die zu Spaziergängen oder auch zu ausgedehnten Wanderungen einladen.

Ein ideales "Basislager" für Ausflüge sowohl nach Palermo, als auch zu den nahegelegenen Naturschutzgebieten ist die Sprachschule Solemar Sicilia. Sie bietet Ferienwohnungen in den Städten Bagheria, Santa Flavia und Cefalù. Viele der hier angebotenen Ferienwohnungen laden übrigens auch zum Überwintern auf Sizilien ein.

Von den drei o.g. Flughäfen aus erreicht man diese Städte sehr einfach mit einem Mietwagen aber auch mit Überland-Bussen und der Italienischen Bahn.

Die Sprachschule Solemar Sicilia ist ein sizilianisch-deutsches Familienunternehmen. Der große Vorteil: sämtliche organisatorischen Dinge werden hier auf Italienisch und Deutsch abgewickelt. Solemar Sicilia ist ausserdem Mitglied in der Antimafia-Initiative Addiopizzo.

In dieser, mittlerweile 700 Mitglieder umfassenden Organisation (Stand Nov. 2011) haben sich vor allen Dingen in Palermo und Umgebung Geschäfte zusammengetan, die kein Schutzgeld (mehr) zahlen. Leider hat Giovanni Falcone die Gründung von Addiopizzo, eine der wichtigsten Konsequenzen seiner langjährigen Arbeit nicht mehr erlebt.

Die folgenden Abschnitte beschreiben die wichtigsten Wirkungsstätten von Giovanni Falcone. Wegbeschreibungen und ein Routenplaner zeigen, wie Sie diese Wirkungsstätten – ausgehend von der Sprachschule Solemar Sicilia – mit dem Auto oder mit Trenitalia und zu Fuß erreichen.

 

Die Karte der Wirkungsstätten von Giovanni Falcone

Google Maps Pin Das Elternhaus von Giovanni Falcone in der Kalsa
Google Maps Pin Die Grundschule im Schatten der Kathedrale von Palermo
Google Maps Pin Zum Abitur zurück in die Kalsa
Google Maps Pin Giovanni Falcones Jura-Studium beim Brunnen der Sünde
Google Maps Pin Der Palazzo di Giustizia – die Antimafia-Zentrale
Google Maps Pin Giovanni Falcones großer Erfolg im Bunker von Palermo
Google Maps Pin Der Mord an Giovanni Falcone bei Capaci
Google Maps Pin Der Baum von Giovanni Falcone
Google Maps Pin Addiopizzo – Antimafia heute

Ihr könnt die Karte auch mit Google Street View erkunden. Mit einem Klick auf den folgenden Link öffnet sich ein entsprechendes Fenster:

Auf den Spuren von Giovanni Falcone

 

Das Elternhaus von Giovanni Falcone in der Kalsa

Giovanni Falcone wurde 1939 in Palermos damals heruntergekommenem und von der Cosa Nostra dominiertem Viertel Kalsa geboren [1]. Sein Elternhaus stand in der Via Castrofilippo. Es fiel 1959 dem Sacco di Palermo zum Opfer. "Sacco" bedeutet in diesem Zusammenhang "Plünderung" und bezeichnet eine Phase destruktiver, von der Mafia angetriebener Bauspekulation in den 50er und 60er Jahren.

Der junge Giovanni wuchs also in einer mafiös getränkten Atmosphäre auf. Damals waren diejenigen Spiel­kameraden "hipp", deren Familien mit der "ehrenwerten Gesellschaft" in Verbindung standen. Der eine oder andere dieser Spielkameraden wurde selber ein Mafioso. Einer der bekanntesten von ihnen war Tommaso Spadaro, der zum "König der Kalsa" wurde. Falcone brachte ihn später hinter Gitter.

Ein anderer Spielkamerad wurde später hingegen sein engster Kollege: Paolo Borsellino.

Dessen Elternhaus stand nur einen Häuserblock weiter in der Via della Vetreria 57. Dieses Haus existiert noch und ein Messingschild weist auf seine besondere Geschichte hin.

Im Kontrast zur dieser für Sizilien so typischen mafiösen Umgebung, entstammen die Eltern von Giovanni Falcone einem unpolitischen, katholisch-konservativen Kleinbürgertum, für die es ein hoher Wert war, dem Land zu dienen und nicht es auszuplündern. Man kann davon ausgehen, daß hier die Wurzeln des späteren Engagements von Falcone liegen.

Wer erleben möchte, wo Giovanni Falcone aufwuchs, folgt am besten der Wegbeschreibung zum Restaurant Antica Focacceria San Francesco. Das Elternhaus von Giovanni Falcone stand in der Nähe von Marker E.

 

Die Grundschule im Schatten der Kathedrale von Palermo

Giovanni Falcone besuchte die Grundschule im "Convitto Nazionale Vittorio Emanuele II" von Palermo [2]. Die Institution des Convitto Nazionale ("National-Internat") entstand mit der Bildung des unabhängigen Nationalstaates Italien im 19. Jahrhundert.

Diese Internate wurden damals in vielen großen italienischen Städten gegründet, um Kindern aus der ländlichen Umgebung eine höhere Schulbildung mit dem Ziel des Universitätsbesuchs zu ermöglichen.

Gleichzeitig sollten die "Convitti Nazionali" das Bildungsmonopol der katholischen Kirche brechen. Um dem Nachdruck zu verleihen, wurden häufig ehemals kirchliche Schulen verstaatlich.

Dieses passierte 1860 auch in Palermo. Es ist also kein Zufall, daß das "Convitto Nazionale Vittorio Emanuele II" direkt neben der Kathedrale von Palermo steht. Heute kämpft der italienische Staat nicht mehr gegen die Kirche sondern gegen die Mafia. So wundert es nicht, daß das Convitto Nazionale mittlerweile nach seinem wohl bekanntesten Schüler – Giovanni Falcone – umbenannt wurde.

Um den Schulweg des jungen Giovanni nachvollziehen zu können, folgen Sie der Wegbeschreibung zur Kathedrale von Palermo. Bei Marker F sehen Sie im Westen die auf die Normannen zurückgehende Apsis der Kathedrale. Genau gegenüber sehen Sie den Convitto Nazionale.

 

Zum Abitur zurück in die Kalsa

Giovanni Falcone wechselte 1954 zum "Liceo classico Umberto I" und machte hier sein Abitur [3] [4]. Auch diese Schule war ursprünglich kirchlicher Art und residierte im "Convento Sant’Anna" in der Kalsa. Giovanni Falcone konnte damit also sein Abitur quasi vor der Haustür machen.

Den Namen "Umberto I" bekam die Schule 1878 mit der Wandlung in eine staatliche Schule. 1960 zog die Schule in ein wesentlich größeres Gebäude neben dem schönen Park "Villa Malfitano".

Der ehemalige "Convento Sant’Anna" beherbergt heute die Galleria d’Arte Moderna. Ein Besuch dieses Museums lohnt sich also doppelt: Man kann die Arbeiten sizilianischer Künstler des 19. und 20. Jahrhunderts bewundern und bekommt gleichzeitig einen Eindruck von der Umgebung, in der der heranwachsende Giovanni Falcone seine Schulzeit verbrachte.

Giovanni Falcone ist nicht der einzige berühmt gewordene Schüler des Liceo classico Umberto I. Zu ihnen zählt auch der Maler Renato Guttuso. Heute hängen Bilder von ihm in seinen ehemaligen Schulräumen.

Um die Galleria d’Arte Moderna zu besuchen, folgen Sie der Wegbeschreibung zum Jugendtreff BLOW-UP. Die Gallerie befindet sich gleich um die Ecke bei Marker K. Wäre Giovanni Falcone heute Student, würde man ihn sicher im BLOW-UP treffen. Diese Mischung aus Kneipe und Diskothek ist einer der Treffpunkte der Antimafia-Jugend Palermos.

 

Giovanni Falcones Jura-Studium beim Brunnen der Sünde

Nach dem Abitur begann Giovanni Falcone ein Jura-Studium an der Universität Palmero. In dieser Zeit wandte er sich mehr und mehr von den katholisch-konservativen Wurzeln seines Elternhauses ab [1].

Er kritisierte ausserdem dessen unkritische Einstellung zum Faschismus. So entwickelte sich ein starkes demokratisch-rechtsstaatliches Bewusstsein.

Es erscheint daher auf den ersten Blick seltsam, daß der Student Giovanni Falcone mit der Kommunistischen Partei Italiens sympathisierte.

Viele haben heute vergessen, daß die KPI damals eine der Protagonisten des sog. "Eurokommunismus" und mithin demokratisch ausgerichtet war. Die KPI fuhr ausserdem einen konsequenten Antimafia-Kurs.

Im Lauf seines Berufslebens kühlte sich die Vorliebe Falcones für die KPI deutlich ab. Er legte ausserdem immer Wert darauf, daß er niemals Mitglieder irgendeiner Partei war. Giovanni Falcone sah sich als Richter jederzeit der Neutralität verpflichtet. Die Rechtsstaatlichkeit hatte für ihn die höchste Priorität. So plädierte er z.B. bei dünner Beweislage mehr als einmal dafür, einen Mafioso freizusprechen.

Die juristische Fakultät befindet sich am ursprünglichen Sitz der Universität in der Via Maqueda 172 [5]. Ein Teil des Gebäudes gehörte ursprünglich dem Theatiner-Orden von Palermo. Es befindet sich pikanterweise quasi gegenüber dem berühmten "Brunnen der Sünde" (Fontana Pretoria). Betritt man den auch architektonisch sehr interessanten Innenhof der Fakultät, kann man sich gut vorstellen, wie hier der junge Studenten Giovanni Falcone ein- und ausging.

Um den Innenhof der juristischen Fakultät zu besuchen, folgen Sie der Wegbeschreibung zur Fontana Pretoria. Der Eingang zum Innenhof befindet sich bei Marker F.

 

Der Palazzo di Giustizia – die Antimafia-Zentrale

Giovanni Falcone schloss sein Studium schon 1961 mit Auszeichnungen ab [3]. Er war damals erst 22 Jahre alt. Er begann seine juristische Karriere ausserhalb Palermos. Einen Großteil dieser Zeit verbrachte er als Staatsanwalt in Trapani. Falcone schreibt dazu [6]:

"Meine erste Feuertaufe erlebte ich in Trapani, wohin ich als Stellvertreter des Staatsanwalts berufen wurde. Ich begann mich anläßlich eines der großen Prozesse der Nachkriegszeit ganz in die Mafia zu vertiefen…" Tatsächlich konnte er bereits in Trapani einige Mafia-Morde aufklären [3].

1978 zog es Falcone zurück in seine Heimatstadt Palermo. Er bewarb sich um eine Stelle im Justizpalast. Man war dort bereits auf ihn aufmerksam geworden, fürchtete aber, daß seine Arbeit zu viel Staub aufwirbeln würde.

Man wies ihm daher eine Stelle im Bereich des Konkursrechts zu [3]. Die Hoffnung, ihn damit auf ein Abstellgleis zu schieben, trog aber. Es sollte sich sogar herausstellen, daß die Erfahrungen dieser Arbeit einmal sehr hilfreich für den Kampf gegen die Mafia werden würden. Denn letztlich ist das zentrale Interesse der Mafia die Wirtschaft.

Für Hollywood ist natürlich die von der Mafia ausgehende Gewalt interessanter. Eine "coole" Mafia wendet aber Gewalt nur als letztes Mittel zur Durchsetzung wirtschaftlicher Interessen ein. Gerade am Konkursgericht bekam Giovanni Falcone einen Einblick in das Beziehungsgeflecht dieser Interessen.

Ab der zweiten Hälfte der 70er Jahre dominierte die eher ländlich geprägte Mafia aus dem Umland Palermos. Die Köpfe dieser Gruppe stammten aus der Kleinstadt Corleone. Mit ihnen zeigte die Mafia ihr "uncooles" Gesicht. Spitznamen wie "Die Bestie" oder "Der Traktor" sprechen Bände. Die Corleoneser betrachteten Mord nicht als Ultima Ratio, sondern als alltägliches Mittel und teilweise auch als perversen Spaß.

Diese Gewaltorgien der Corleoneser werden voraussichtlich in die Geschichtsbücher als Anfang vom Ende der Mafia in Sizilien eingehen [7] [8]. Niemand konnte jetzt mehr, wie häufig zuvor, die Mafia als Fantasiegebilde von Filmemachern verharmlosen. Im Justizpalast von Palermo (Palazzo di Giustizia) wird eine spezielle Gruppe von Antimafia-Ermittlern gebildet. 1979 wurde Giovanni Falcone in diese Gruppe aufgenommen.

Zu Beginn seiner Antimafia-Arbeit war Falcone noch unbekannt und konnte gefahrlos den neben dem Justizpalast liegenden Markt Il Capo besuchen. Il Capo gilt als der beste Gemüsemarkt von Palermo und ist ideal zum Einkaufen von Zutaten für die sizilianische Küche. Um den Justizpalast zu besuchen, folgen Sie der Wegbeschreibung zum Markt Il Capo.

 

Giovanni Falcones großer Erfolg im Bunker von Palermo

Die Arbeit von Giovanni Falcone war derart erfolgreich, daß er sich nach nicht einmal einem Jahr Antimafia-Arbeit durch eine Eskorte rund um die Uhr schützen lassen mußte. Sein Erfolg beruhte auf einer Ermittlungsmethode, die heute selbstverständlich erscheint, damals aber völlig neu war.

Ein Kernproblem der Ermittler lag in der Natur der Sache. Die Mafia war eine Geheimorganisation und sorgte mit dem Gesetz der Omertà dafür, daß das so blieb. In Sizilien wusste jeder, daß es besser war nichts zu sehen, zu hören und vor allen Dingen nichts zu sagen.

Die sizilianische Mafia war in den 70er Jahren in das internationale Rauschgift-Geschäft eingestiegen. Ausserhalb Siziliens konnte sie die Omertà aber nur bedingt durchsetzen. Falcone kam also die Idee, mittels des internationalen Geflechts etwas über die inneren Strukturen der sizilianischen Mafia zu lernen [1].

Um Licht in das internationale Geflecht zu bringen bediente er sich der Erfahrungen, die er am Konkursgericht gesammelt hatte: Er ließ sich von allen sizilianischen Banken die Belege sämtlicher Devisentransaktionen der letzten fünf Jahre vorlegen. Auf diese Weise fand er u.a. heraus, daß die Mafia in Sizilien fünf große Heroinlabore betrieb.

Auch eine andere Idee von Giovanni Falcone hängt mit seiner Vorerfahrung am Konkursgericht zusammen. Normale Finanzdelikte werden vor einem ausschließlich mit Berufsrichtern besetzten Gericht behandelt während Mordfälle vor einem Schwurgericht enden. Geschworene lassen sich zumeist sehr viel einfacher einschüchtern als Berufsrichter. Falcone mied daher Mordprozesse.

Neben diesen neuen Ideen halfen Falcone auch drei persönliche Eigenschaften. Er arbeitete ohne Mühen 16 Stunden täglich, hatte das Gedächtnis eines Elefanten und war – Sizilianer. Letzteres half ihm sehr bei den vielen Vernehmungen.

1984 gelang dann der ganz große Durchbruch. Er beruhte allerdings nicht auf einer neuen Ermittlungsmethode von Giovanni Falcone, sondern auf den Gewaltorgien der Corleoneser. Sie führte auch zum Tod von Angehörigen des hochrangigen Mafiosos Tommaso Buscetta. Nach seiner Festnahme entschloss er sich, mit der Mafia zu brechen und sein gesamtes Wissen über ihre innere Struktur preiszugeben [3].

Die so gewonnenen Erkenntnissen führten am 29. September 1984 zum berühmten Blitz di San Michele (das Wort "Blitz" wird im Italienischen zur Beschreibung einer Polizei- oder Militäraktion genutzt; der 29.09 ist im Katholizismus dem Erzengel Michael gewidmet). Mit dieser Aktion wurden über Nacht 366 Mafiosi festgenommen.

Anfang 1986 begann der sog. Maxi-Prozess gegen sie. Er fand in einem Hochsicherheits-Bunker auf dem Gelände des berüchtigten Gefängnisses Ucciardone statt. Auf der Fahrt zu Palermos elegantem Viertel Libertà bekommen Sie einen Eindruck des Gefängnisses. Das Satellitenbild zu Beginn dieses Abschnitts gibt einen Überblick über das Areal.

 

Der Mord an Giovanni Falcone bei Capaci

Die in den vorherigen Abschnitten beschriebenen Erfolge von Giovanni Falcone sollten nicht darüber hinwegtäuschen, daß er bei seiner Arbeit enormen Widerständen ausgesetzt war. Daß er bereits nach kurzer Zeit zum Todfeind der Mafia geworden war ist nachvollziehbar. Daß er aber auch innerhalb des Justizpalastes von Palermo und sogar von Mitgliedern der "Antimafia-Szene" angegriffen wurde, verwundert auf den ersten Blick.

Bedenkt man allerdings die enge Vernetzung der Mafia mit dem Staat, wäre es naiv anzunehmen, daß nicht auch im Justizpalast von Palermo genügend Zuarbeiter der Mafia saßen.

Andere wiederum störte das entschlossene Vorgehen von Falcone [1]. Seine reservierte Art und seine intellektuelle Überlegenheit wurden häufig fälschlicherweise als Arroganz ausgelegt. Die Kritik aus der Antimafia-Szene selber beruhte u.a. auf der medialen Präsenz von Giovanni Falcone. Ihm wurde vorgeworfen, daß er ein Karrierist sei, dessen Antimafia-Engagement lediglich als Sprungbrett zu Höherem diene.

Auch sein Erfolg, mehr und mehr Mafiosi zum Ausstieg zu bewegen, erregte Mißtrauen. Er schreibt dazu [6]: "Man ließ einfließen, ich hätte diesen Männern alles mögliche versprochen, um Informationen aus ihnen herauszuquetschen. Man behauptete, ich versteckte bei mir zu Hause den politischen Teil der Ausssagen Buscettas. Man verbreitete, ich würde mit einem Teil der Mafia zusammenarbeiten, um den anderen auszulöschen."

Als dann 1988 sein bisheriger, ihn immer unterstützender Chef Antonino Caponnetto in den Ruhestand ging und ein unfähiger Nachfolger seinen Platz einnahm, brach die bisher so erfolgreiche Ermittlergruppe auseinander. Falcone war zwar weiterhin erfolgreich, nutzte aber 1991 das Angebot des Justizministers in Rom, eine landesweit agierende Ermittlungsbehörde gegen die Mafia aufzubauen. Sie wurde 1992 unter dem Namen Direzione Investigativa Antimafia (D.I.A.) gegründet und koordiniert seitdem sämtliche Aktivitäten gegen die organisierte Kriminalität in Italien.

Am 23. Mai 1992 wollte Giovanni Falcone ein Wochenende in seiner Heimatstadt Palermo verbringen. Auf dem Weg vom Flughafen Palermo Richtung Stadt fiel er einem Bombenattentat der Mafia zum Opfer. Ganz Italien fragt sich bis heute, wie die Mafia von der streng geheimgehaltenen und kurzfristig verlegten Fahrt Falcones wissen konnte.

Bei der Trauerfeier für Giovanni Falcone in der Kirche San Domenico gab es eine Überraschung: Tausende Bürger Palermos gaben ihm trotz schlechten Wetters das letzte Geleit. Während er in seinen letzten Jahren beruflich zusehens isoliert war, hatte sich ein viel größerer Teil der Bevölkerung als erwartet auf seine Seite gestellt.

Als Tourist bekommen Sie auf der Fahrt vom Flughafen Palermo nach Bagheria einen Eindruck des Attentats. Kurz vor der Abfahrt Capaci treffen Sie auf zwei riesige Säulen, die die Stelle der Autobahn markieren, unter der eine halbe Tonne Sprengstoff versteckt wurde (Marker D). Falcone, seine Ehefrau und die Männer seiner Eskorte hatten keine Chance.

Auf den Ort der Trauerfeier, die Kirche San Domenico treffen Sie bei einem Spaziergang über den weltweit bekannten historischen Markt Mercato della Vucciria (Marker I).

Stellen Sie sich einen grauen, regnerischen Tag und eine riesige, aufgebrachte Menschenmenge auf dem Platz vor der Kirche und den sie umgebenden Straßen vor.

 

Der Baum von Giovanni Falcone

Wenig Monate nach der Ermordung Giovanni Falcones ermordete die Mafia ebenfalls seinen Freund und Kollegen Paolo Borsellino. In ihrem ersten Entsetzen prophezeite daraufhin Antonino Caponnetto, der ehemalige Chef von beiden das Ende der Antimafia-Arbeit. Tatsächlich zeigte sich aber einmal mehr, daß die Gewaltorgien der Mafia ihr selber am meisten schadeten.

Die Nachfolger von Falcone und Borsellino waren nämlich von 1992 bis 1994 derart erfolgreich, daß sie von einer "magischen Zeit" sprachen. Dafür waren im Wesentlichen zwei Gründe ausschlaggebend:

Die erfolgreiche Vorarbeit von Falcone und seinen Freunden und der Zusammenbruch der Ersten Republik. Kurz vor Falcones Ermordung hatte eine Gruppe von Staatsanwälten und Richtern in Mailand eine Lawine von Korruptionsverfahren losgetreten.

Sie brachte das bisherige politische System zum Einsturz und 1994 Berlusconi an die Macht. Die Zeit von 1992 bis 1994 war also in ganz Italien eine Phase des Aufräumens und daher ideal für die Arbeit gegen die Mafia.

Auch Antonino Caponnetto änderte schnell seine Meinung über das Ende der Antimafia-Arbeit. Er beendete seinen Ruhestand und wurde in Palermo politisch aktiv. Wichtiger war aber wohl seine unermüdliche Antimafia-Aufklärungsarbeit in Italiens Schulen [9].

Von der katholischen Kirche gab es ebenfalls deutliche Worte zum Thema Mafia. 1993 wich Papst Johannes Paul II bei einem Besuch im Tal der Tempel bei Agrigento von seinem Redemanuskript ab und ging zu einer Philippika gegen die Mafia über:

Die große Anteilnahme der Bevölkerung an der Trauerfeier für Giovanni Falcone zeigte, daß schon vor seiner Ermordung zumindest ein Teil der sizilianischen Bevölkerung inzwischen auf seiner Seite stand. Nach seiner Ermordung setzte dieser Meinungsumschwung sich deutlich fort. Dazu trugen die anhaltenden Ermittlungserfolge, die beginnende Aufklärungsarbeit an den Schulen und nicht zuletzt auch die eindeutige Stellungnahme von Johannes Paul II bei.

Viele Bürger drücken auch heute noch, fast 20 Jahre nach seiner Ermordung, ihre Solidarität mit Giovanni Falcone aus. Sie heften dazu Nachrichten und Bilder an den sog. Baum von Falcone. Er steht vor dem Haus, in dem sich seine Wohnung befand. Mit Hilfe der Wegbeschreibung zum Albero di Falcone können Sie den Baum besuchen.

 

Addiopizzo – Antimafia heute

Nach dem Amtsantritt von Silvio Berlusconi befürchteten viele ein Nachlassen des Kampfes gegen die Mafia. Dieses trat allerdings nicht ein.

Mittlerweile ist vielmehr die gesamte erste und zweite Führungsebene der alten Garde tot oder hinter Gittern.

In Palermo spricht man regelrecht von einer Wiedergeburt der Stadt. Besonders die alten, in der Nachkriegszeit so heruntergekommen Viertel wie die Kalsa – in der Giovanni Falcone seine Kindheit verbrachte – werden Straßenzug für Straßenzug renoviert.

Palermo ist heute sicherer als jede norditalienische Großstadt und Sizilien insgesamt ist eine der sichersten Reisegebiete in Europa.

Trotz alledem existiert die Mafia auf lokaler Ebene nach wie vor. Man schätzt, daß in Palermo immer noch 80% aller Geschäfte Schutzgeld ("Pizzo") zahlen. Dabei ist die Höhe des Schutzgelds häufig weniger belastend, als die Einmischung der Mafia in die geschäftlichen Angelegenheiten. Wie diese vor sich geht beschreibt eindringlich in einem Interview der sizilianische Unternehmer Giuseppe Todaro.

Die Beendung des Schutzgeld-Unwesens zählt daher heute zu einer der wichtigsten Aufgaben zur endgültigen Überwindung der Mafia-Kultur in Sizilien. Genau an diesem Punkt können Sie auch als Tourist helfen – insbesondere wenn Sie sich in Palermo oder der näheren Umgebung aufhalten. Hier hat nämlich die Antimafia-Organisation Addiopizzo (Tschüß Schutzgeld) ihren Ursprung. In ihr sind über 700 Unternehmen zusammengefaßt (Stand November 2011), die kein Schutzgeld (mehr) zahlen. Auf der Seite Addiopizzo finden Sie eine kleine, auf Touristen zugeschnittene Auswahl dieser Unternehmen. Auch auf den Terrassen der Ferienwohnungen von Solemar Sicilia können Sie die sizilianische Sonne pizzo-frei geniessen.

Addiopizzo ist geprägt von vielen jungen Leuten. Sie verkörpern eine ganz neue Generation sizilianischer Bürger. Giovanni Falcone wäre sicherlich sehr stolz auf die "Ragazzi di Addiopizzo".

 

Literatur

[1] Die Richter – Der Tod, die Mafia und die italienische Republik. . München: C.H.Beck,
[2] Homepage des "Convitto Nazionale Vittorio Emanuele II / Giovanni Falcone"
http://www.lcvittorioemanuelepa.it
[3] Falcone – Die Biographie – Leben und Tod im Kampf gegen die Mafia. . Berlin: Ullstein,
[4] Homepage des "Liceo Umberto I" – http://www.liceoumbertopalermo.it
[5] Geschichte der juristischen Fakultät der Universität Palermo
http://giurisprudenza.unipa.it/ita/presentazione.html
[6] Inside Mafia. , . München: F.A. Herbig,
[7] Die letzten Paten – Aufstieg und Fall der Corleones. . Frankfurt am Main: Fischer,
[8] Der Pate – letzter Akt. . München: C. Bertelsmann,
[9] Homepage der Fondazione Antonino Caponnetto – http://www.antoninocaponnetto.it

 

 

 

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