Corleone – Im Namen des Paten

Auf den Spuren der Mafia und ihrer Gegner

Don Corleone ist der wohl bekannteste Mafia-Boss der Literatur-Geschichte. Mario Puzo machte ihn zur zentralen Figur seines Romans "Der Pate". Im gleichnamigen Film von Francis Ford Coppola brachte Don Corleone es zu Weltruhm. Den Namen lieh ihm eine kleine sizilianische Stadt – Corleone. Warum gerade Corleone zu dieser zweifelhaften Ehre kam, ist einfach erklärt: Die Stadt brachte einen der mächtigsten und brutalsten Mafia-Clans der sizilianischen Nachkriegszeit hervor.

Viel weniger bekannt ist, daß Corleone immer auch eine Antimafia-Hochburg war. Schon 1914 (!) wurde dort mit Bernardino Verro der erste Antimafia-Bürgermeister Siziliens gewählt. Heute ist der Clan der "Corleonesi" längst zerschlagen und Corleone wieder eine ganz normale sizilianische Stadt. Um die Spuren von Mafia und Antimafia dort zu finden, muss man schon sehr genau hinsehen. Dabei hilft dieser Artikel.

Veröffentlicht am:  20. Oktober 2012

Letzte Änderung:  03. November 2012

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Die Anfänge

Die bekanntesten Städte Siziliens lagen immer schon am Meer. Und genauso war Corleone immer schon eine Ausnahme: Die Stadt liegt im Landesinneren, mitten auf der wichtigen Verbindung zwischen Palermo und Agri­gento.

Sie ist ausserdem zwischen mehrere Felsen eingebettet, die einen natürlichen Schutz vor Angriffen bieten. Ab dem Mittelalter wurde Corleone zusätzlich durch eine Stadt­mauer geschützt. Diese Schutzmaßnahmen waren kein Zufall: Wegen der strategisch wichtigen Lage war Corle­one in nahezu sämtliche Kriege Siziliens verwickelt.

Das trug ihr den Beinamen "Animosa Civitas" (mutige Bürgergemeinschaft) ein. Aus heutiger Sicht klingt das natürlich seltsam. Wir würden wohl eher von einer "geschundenen Bürgergemeinschaft" sprechen. Und das gilt leider bis in die jüngeste Vergangenheit. Beginnen wir aber von vorne.

Lange galten arabische Quellen als erste historisch sichere Belege über Corleone. Mittlerweile haben Archäologen aber auf dem Hausberg von Corleone, dem "Montagna Vecchia" (siehe Bild rechts oben) Reste wesentlich älterer Ansiedlungen gefunden. Es könnte also stimmen, was Cicero – nicht nur ein berühmter Redner, sondern auch ein Kenner Siziliens – schrieb. Folgt man ihm, lag auf dem Montagna Vecchia eine Stadt namens "Schera". Sie wurde während des 2. punischen Krieges zerstört.

Die Überlebenden flohen in das benachbarte nördliche Tal und gründeten einen neuen Ort – das heutige Corleone. Den ersten historischen abgesicherten Beleg für die Existenz Corleones lieferten dann aber tatsächlich erst ca. 1000 Jahre später die Araber. Sie hatten Corleone 839/840 erobert. Aus heutiger Sicht sieht man eine in die Steinzeit zurückgebombte Stadt vor seinem inneren Auge. Tatsächlich war aber das Gegenteil der Fall:

Corleone – wie nahezu ganz Sizilien – erlebte unter den Arabern eine Blütezeit. Die Araber brachen ihre neuesten landwirtschaftlichen Erkenntnisse (insbesondere Bewässerungsmethoden) mit. So führten sie u.a. Zitrusfrüchte, Dattelpalmen, Pistazzien, Melonen, Maulbeeren, Baumwolle und Seidenraupen ein. Es gibt ausserdem Hinweise darauf, daß die Araber auch den Reis und neue Getreidearten nach Corleone brachten. Diese starke Konzentration auf die Landwirtschaft erkennt man heute noch an den Namen vieler Domänen in der Umgebung. Ein Beispiel dafür ist "Gibilcanne", hergeleitet vom Arabischen für "Berg der Quelle".

1061 schickte der Papst normannische Söldner nach Sizilien, um die Insel von den "Sarazenen" zu befreien. Der Vatikan betrachtete sich nämlich – vermutlich aufgrund der Konstantinischen Schenkung – als Eigentümer Siziliens. Als "Beute" versprach er den Normannen Sizilien als Lehen und ihrem Führer die sizilianische Köngiswürde. So motiviert, eroberten sie im Verlauf der nächsten 30 Jahre die gesamte Insel.

Die Normannen kamen aus Nordfrankreich und damit dem "Musterländle" des Feudalismus. Und der ließ sich hervorragend auch dem agrarisch geprägten Sizilien überstülpen. Das Resultat war eine kleine Schicht sehr reicher, aristokratischer Landbesitzer, für die ein Heer sehr armer Bauern das Land bestellte. Für das mittelalterliche Europa war das "normal" – bis die Aufklärung dem ein Ende setzte.

Die allerdings ging an Sizilien spurlos vorbei. Im Gegenteil: an ihrer Stelle entwickelte sich sogar eine ganz besonders destruktive Spielart des Feudalismus. Und letztlich war es sie, die Corleone in der Mitte des 20. Jahrhunderts (!) zum gefährlichsten Ort Europas machte und Mario Puzo bzw. Francis Ford Coppola zu "Der Pate" inspirierte. Dazu aber später mehr.

 

Die sizilianische Vesper

Besonders lebensgefährlich war Corleone aber auch 1282 – ganz besonders für Franzosen. Und das kam so: Der Vatikan war schon lange unzufrieden mit den Normannen und ihren Nachfolgern.

1266 ernannte der damalige Papst daher Karl von Anjou, den Bruder des französischen Königs Ludwig VIII. zum König von Sizilien. Die Anjou machten sich schon nach kurzer Zeit ziemlich unbeliebt.

Kein Wunder also, daß am Ostermontag den 31.03.1282 in Palermo ein Aufstand gegen sie losbrach. Er griff schnell auf Corleone über und entwickelte sich in ganz Sizilien zu einem regelrechten Massaker.

Alles, was irgendwie französisch erschien wurde niedergemacht. Nach nur wenigen Wochen war Sizilien "befreit". Der Aufstand ging als Sizilianische Vesper in die Geschichte ein und ist bis heute ein Symbol für die italienische Einheit. Auch die heute noch verwendete Flagge Siziliens geht auf die Sizilianische Vesper zurück. Ihr rotes Dreieck steht für Palermo, das gelbe für Corleone.

 

Die Spanier

Schon vor dem Aufstand hatte die sizilianische Aristokra­tie den spanischen König Peter III (er war mit Konstanze von Sizilien, einer Nachfahrin der Staufer verheiratet) um Unterstützung gegen die Franzosen gebeten.

Der ungeplante Aufstand war daher eine Steilvorlage für ihn: Er marschierte im Herbst 1282 in Sizilien ein und ließ sich zum König proklamieren. Mit kurzen Unterbrechungen blieb Sizilien von nun an bis 1860 unter spanischer Herrschaft.

Im 15. Jhd. war der Geldbedarf der Spanier so hoch, daß sie das Terretorium Corleone verkauften, anstatt es als Lehen zu vergeben. Die Eigentümer wechselten häufig und machten sich bei der Bevölkerung meist nicht besonders beliebt.

So wundert es nicht, daß sie 1516 die Nase voll hatten und sich einem in Palermo begin­nenden Aufstand anschlossen. Dieser führte allerdings nicht zu einer zweiten Sizilianischen Vesper. Der spa­nische König merkte, daß seine Vorgänger mit dem Verkauf einen Fehler gemacht hatten. Er deeskalierte die Situation, indem er Corleone durch Vergünstigungen aufwertete.

Im 17. Jhd. zeugten eine Schule, ein Waisenhaus und verschiedene Kirchen von einer größer gewordenen Stadt. All dies, wie auch viel Grund und Boden war damals im Eigentum der Kirche. Tatsächlich findet man auch heute noch in Corleone, einer Kleinstadt mit gut 11.000 Einwohnern, ungewöhnlich viele Kirchen. Corleone wird daher auch "Stadt der 100 Kirchen" genannt.

Ab dem 18. Jhd. breitete sich unter den Landbaronen Siziliens eine neue Mode aus. Man hatte keine Lust mehr, sich selber um seine Güter zu kümmern und verpachtete sie daher an Verwalter. Diese Verwalter – man nannte sie "Gabellotti" – waren in ländlichen Gebieten wie Corleone bald die eigentlichen Herren. Historiker sehen genau hier den Beginn der sizilianischen Mafia.

Im 19. Jhd. gab es zwei einschneidende Ereignisse. 1812 wurde offiziell der Feudalismus beendet und 1860 "befreite" Garibaldi Sizilien von den Spaniern. Das Ende des Feudalismus war allerdings eher formell einschneidend. Tatsächlich waren die Landbarone jetzt nicht mehr Lehensnehmer, sondern "richtige" Eigentümer. Ihre Position – und damit vor allen Dingen auch diejenige der mittlerweile fest etablierten Gabellotti – verbesserte sich also. Diejenige der landlosen Bauern blieb so schlecht wie zuvor. 1860 verschlimmerte sich ihre Lage noch. Das galt besonders für das agrarisch geprägte Corlone. Was war passiert?

 

Das Risorgimento

In der ersten Hälfte des 19. Jhd. begann die Gründung des italienischen Nationalstaates. Der Ausgangspunkt dieses Risorgimento war das Piemont, die erste Hauptstadt des sich bildenden Italiens Turin.

Was aber sollte zu dem neuen Italien hinzugehören? Daß sich ein Krieg mit Spanien um das rückständige Sizilien lohnen würde, war durchaus umstritten. Doch dann preschte der "Berufs-Revoluzzer" Garibaldi 1860 vor (Bild rechts). Er landete mit nur 1000 Freiwilligen in Marsala und setzte sich sehr schnell gegen die schwachen spanischen Truppen durch.

Ganz wesentlich für diesen Erfolg war die Vergrößerung seiner Truppe durch landlose Bauern. Der gewiefte Taktiker stellte ihnen einfach Land in Aussicht. So entwickelte sich der "Zug der 1000" schnell zu einem Bauernaufstand.

Was jetzt folgte, nennt man heutzutage wohl "Nation Building": Verwaltungsspezialisten aus Turin schwärmten über Sizilien aus, um es in das sich entwickelnde Italien zu integrieren. Was sie vorfanden war häufig genug haarsträubend. In ihren offiziellen Berichten Richtung Turin tauchte auch zum ersten Mal der Begriff "Mafia" auf. Sie hatte mittlerweile ganze Ortschaften unter Kontrolle.

Man berichtete auch von einer Analphabetenquote von 90% und machte dafür die Kirche verantwortlich. Sicher nicht ganz zu unrecht: alle Schulen Siziliens waren schließlich unter ihrer Kontrolle gewesen. Der neue italienische Staat verstand sich ohnehin nicht gut mit dem Vatikan. Erhob der doch Anspruch auf große Teile Mittelitaliens und natürlich auf Rom. Ausserdem war die Aufklärung bis nach Turin vorgedrungen und die proklamierte die Trennung von Staat und Kirche.

Man entzog daher der Kirche nicht nur die Kontrolle über mehr und mehr Schulen, sondern auch ihr Land. Und das machte in Sizilien immerhin zwei Drittel der gesamten Ländereien aus. Kein Wunder, schließlich war 1000 Jahre zuvor ganz Sizilien im Eigentum der Kirche gewesen.

Das hört sich für einen aufgeklärten Menschen alles ganz vernünftig an, hatte aber einen ganz entscheiden­den Haken: Das Kirchenland wurde nämlich von den altbekannten Landbaronen gekauft. Deren Einfluss – und damit vor allen Dingen auch der der Gabellotti (Mafia) – war jetzt also noch einmal deutlich erhöht.

Allerdings brachte der Kauf so vielen Landes selbst die Barone an ihre finanziellen Grenzen. Sie hatten vielfach sogar kein Geld mehr, um ihre die Bauern zu bezahlen. Die Folge: eine ohnehin schon ineffiziente Landwirtschaft brachte noch weniger Ertrag und die landlosen Bauern hatten jetzt nicht einmal mehr ihre Fronarbeit. So kam es zur ersten großen Immigrationswelle Richtung USA.

Sogar die Kirche bekam die Misere sehr direkt zu spüren: In Corleone wurde ein Kloster aufgegeben und verfiel, ein anderes endete als Kaserne. Und der Verfall ging immer weiter: Heute findet der Besucher viele Kirchen in schlechtem Zustand oder sogar als Ruine vor. Das Beispiel der Chiesa San Marco rechts im Bild spricht Bände.

Der anfangs von vielen bejubelte "Befreiung" Siziliens durch Garibaldi folgte also Frust – und das nicht zu knapp. Die "Piemonteser" waren genervt über die rückständigen Sizilianer und die wiederum über die "Besserwisser".

Man verstand sich einfach nicht – und das im auch Wortsinn: Piemontesisch und Sizilianisch sind zwei eigen­ständige Sprachen. Wie sehr das Risorgimento in Sizilien schief gegangen ist, zeigt eine erschreckende Zahl: Nach dem zweiten Weltkrieg waren immer noch knapp ein Drittel der Sizilianer Analphabeten.

Das 19. Jhd. brachte nicht nur neue Nationalstaaten, sondern auch eine neue politische Strömung hervor – den Sozialismus. Er entwickelte sich in Sizilien zum Gegenpol von Feudalismus und Mafia. In der "folkloristi­schen" Betrachtung der Mafia fehlt diese frühe Antimafia-Bewegung fast gänzlich. Daher gilt Corleone bis heute als "Mafia-Nest", während es tatsächlich schon seit dem Ende des 19. Jahrhunderts auch eine Antimafia-Hochburg war.

Mehr noch – in Corleone gab es 1893 die ersten niedergeschriebenen gewerkschaftlichen Verträge Italiens. Diese Verträge wurden bekannt als "Patti di Corleone". Wenn wir heute "gewerkschaftliche Verträge" hören, denken wir wahrscheinlich an Fabriken. Die "Patti di Corleone" waren dagegen Pachtverträge, die die Bedingungen der landlosen Bauern verbessern sollten. Um sie durchzusetzen gab es monatelange Streiks. Der damalige Ministerpräsident Siziliens beendete sie durch die Ausrufung des Belagerungszustandes und die Anführer der Streiks wanderten hinter Gittern.

 

Antimafia: Bernardino Verro und Placido Rizzotto

Das hielt sie aber keineswegs davon ab nach ihrer Entlas­sung weiterzumachen. Einer von ihnen, Bernardino Verro, brachte es 1914 sogar zum Bürgermeister von Corleone. Dieses Beispiel zeigt, daß Corleone mit nichten voll­ständig unter der Kontrolle der Mafia stand. Hätte sie es gekonnt, wäre Bernardino Verro sicher als Bürgermeister verhindert worden.

Die Mafia löste dann das "Problem" auf ihre Weise: Sie erschoss ihn am 3. November 1915 auf dem Weg vom Rathaus nach Hause. Die Straße, in der das Attentat geschah, trägt heute seinen Namen.

Dieses Attentat hielt aber keineswegs andere Bauernführer vom Weitermachen ab. Einer der bekanntesten war Placido Rizzotto. Sein Engagement begann 1945 und endete mit der Ermordung durch die Mafia am 10. Mai 1948. Man fand seine sterblichen Überreste erst 2009.

Sie wurden unter großer Teilnahme der Bürger Corleones am 24. Mai 2012 im Rahmen eines Staatsbegräbnisses beigesetzt. Anwesend waren neben dem italienischen Staatspräsidenten auch viele andere "Größen" aus Rom. Das Medienecho war riesig und die Botschaft an die Reste der sizilianischen Mafia klar: Am Ende gewinnen immer Demokratie und Rechtsstaat.

 

Die Nachkriegszeit

Tatsächlich waren die Opfer von Bernardino Verro, Placi­do Rizzotto und vielen anderen nicht umsonst. In den 50er Jahren gab es die erste, u.a. durch den Marshall-Plan finanzierte Bodenreform in Sizilien.

Dieses war einerseits ein großer Schritt – viele zuvor landlose Bauern hatten endlich ihr eigenes Land. An­dererseits waren die so gewonnenen Flächen für viele Bauern enttäuschend klein. Die Folge war wieder eine Immigrationswelle.

Daß die Bauern keineswegs undankbar waren, zeigt sogar noch die heutige Agrar-Statistik: Im Jahr 2000 war fast die Hälfte aller Höfe kleiner als 1ha und nur 0,3% waren größer als 100ha.

Zum Vergleich: In Deutschland sind mehr als die Hälfte der Höfe größer als 100ha – und dabei zumeist Familienbetriebe oder ehemalige LPGs. Eklatanter kann man die Folgen des immer noch nicht ganz überwundenen Feudalismus in Sizilien wohl nicht zeigen.

In Corleone hatte dieser in den Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg sogar eine letzte "Blütezeit". Die Feu­dalherren waren jetzt Mafiosi, die die Nachkriegswirren geschickt zu ihrem Vorteil nutzten. Die "Corleonesi" setzten sich unter der Führung von Bossen wie Salvatore (Totò) Riina und Bernardo Provenzano mit enormer Brutalität in ganz Sizilien durch.

Kein Wunder, daß Mario Puzo seinen "Paten" als Junge aus Corleone nach New York immigrieren und den Nachnamen "Corleone" annehmen ließ. Kein Wunder auch, daß Puzo den Jungen als Opfer beschreibt, dessen Eltern und Bruder in Corleone von der Mafia ermordet wurden. Und kein Wunder also, daß die kleine sizilianische Stadt Corleone zu ihrem zweifelhaften Weltruhm gelangte.

Heutzutage ist das für die Stadt allerdings gar nicht einmal so schlecht: Die Corleonesi sind tot oder verbringen ihre letzten Jahre hinter Gittern und für die moderne, globalisierte Mafia gibt es in Corleone nichts mehr zu holen. Die Faszination des Bösen aber bleibt und zieht viele Touristen an. Daß Corleone dabei immer auch schon eine Antimafia-Hochburg war, ist allerdings nur wenigen Besucher bewußt. Der im Folgenden beschriebene Stadtrundgang soll dem ein wenig abhelfen.

 

Corleone heute erkunden

Wer sich auf die Spuren der Paten begeben möchte, muss natürlich zuerst einmal nach Sizilien gelangen. Sich aber nur auf das Thema "Mafia" zu stürzen, könnte auf die Dauer etwas langweilig werden, denn man sieht mittler­weile kaum noch etwas von ihr.

Um so mehr dagegen lockt Sizilien mit viel Sonne, Meer und Bergen. Und die sind ja auch für einen Urlaub viel interessanter! Spannend ist auch die Erkundung der Insel-Hauptstadt Palermo. Als "Basislager" für einen Sizilien-Urlaub empfehlen sich daher küstennahe Orte mit einer guten Bahnverbindung nach Palermo. Diese Strategie ist auch zum Überwintern perfekt. Hier gibt es drei gute Beispiele dafür:

Die folgenden Abschnitte bieten nicht nur detaillierte Informationen zu einigen geschichtsträchtigen Plätzen Corleones, sondern auch Anfahr-Tipps mit Hilfe eines Routenplaners. Über eure Sicherheit braucht ihr euch im Corleone von heute wirklich keinerlei Sorgen zu machen: Wer nichts über die spezielle Geschichte der Stadt weiss, würde sie als "sizilianische Kleinstadt in ländlicher Umgebung" bezeichnen.

Hin und wieder findet man Reiseberichte, die Corleone als "unheimlich" bezeichnen. Diese Berichte sind entweder alt oder die Schreiber haben sich von alten Reiseberichten "inspirieren" lassen.

 

Die Karte von Corleone

Google Maps Pin Parkplatz
Google Maps Pin Stadtpark – Eingang
Google Maps Pin Stadtpark – Denkmal für Bernardino Verro
Google Maps Pin Piazza Nascè
Google Maps Pin Piazza Garibaldi
Google Maps Pin CIDMA – Das Antimafia-Museum
Google Maps Pin Ospedale dei Bianchi
Google Maps Pin Chiesa San Domenico
Google Maps Pin Bottega della Legalità
Google Maps Pin Bosco della Ficuzza
Google Maps Pin Borgo Schirò
Google Maps Pin Versteck von Bernardo Provenzano

Ihr könnt die Karte auch mit Google Street View erkunden. Mit einem Klick auf den folgenden Link öffnet sich ein entsprechendes Fenster:

Corleone – Im Namen des Paten

 

Der Stadtpark – grün und voller Erinnerungen

Wer Corleone mit dem Auto besucht, "landet" zumeist auf einem Parkplatz neben der Villa Comunale, also dem Stadtpark. Hier macht Corleone schon gleich am Anfang einen überraschend guten Eindruck. Anstatt "dunkler Gestalten" trifft man hier auf eine "grüne Oase".

Tatsächlich ist der Stadtpark von Corleone mit 4000 Quadratmetern für eine Kleinstadt mit gerade einmal 11.000 Einwohnern enorm groß. Man mag sich fragen, warum eine Kleinstadt in einer landwirtschaftlich gepräg­ten Umgebung überhaupt einen Park braucht.

Die Antwort ist gerade für Städter überraschend, aber tatsächlich führt Landwirtschaft zu langweilen Landschaften – insbesondere, wenn sie sich auf den Getreideanbau konzentriert. Das galt 1849, dem Gründungsjahr der Villa Comunale, eher noch mehr als heute.

Schon 62 Jahre vorher hatte sich Goethe auf seiner Sizilien-Reise gelangweilt über die nicht enden wollenden Getreidefelder des sizilianischen Binnenlandes und den geringen Baumbestand geäussert. Hierzu ist die Villa Comunale ein starker, sehr positiver Kontrast: Eine Unmenge von Palmen, Zypressen, Pinien und Maulbeeren spenden Schatten, und die für italienische Gärten typischen Wasserspiele sorgen für Unterhaltung.

Heute würde die Villa Comunale wahrscheinlich nicht mehr so grosszügig geplant werden. Die Wiederaufforstungs­progamme nach dem zweiten Weltkrieg haben die Landschaft Siziliens wieder interessant gemacht. Ein hervorragendes Beispiel dafür liegt keine 10km nordöstlich der Stadt Corleone: der Bosco della Ficuzza.

Der Stadtpark ist aber nicht nur grün. Wir treffen hier auch auf die eingangs versprochenen Spuren der Antimafia-Bewegung. Im hinteren Teil erinnert die Statue von Bernardino Verro an den ersten Antimafia-Bürgermeister von Corleone.

 

Piazza Nascè – Der "Sklavenmarkt" von Corleone

Auf dem Weg Richtung Stadtzentrum landen wir nach ca. 300m auf der Piazza Nascè. Auch er hat eine sehr enge Beziehung zum Antimafia-Bürgermeister Bernardino Verro:

Am 31 Oktober 1910 ging Verro hier während einer öffentlichen Versammlung Bürgermeister und Stadtrat frontal an: "Es ist euch gelungen, Corleone zur unglück­lichsten aller Kommunen Siziliens zu machen. Es ist ihr nur der traurige Stolz geblieben, die Hochburg der siziliani­schen Mafia zu sein."

Die Piazza Nascè war nicht zufällig als Ort für diese Versammlung ausgesucht worden. Hier fanden sich morgens traditionell die Tagelöhner ein und hofften, von einem Gabellotto einen Job zu bekommen.

Auch dieses wiederum war kein Zufall. Früher einmal – lange vor dem Bau der Piazza Nascè im Jahr 1885 – war hier eines der Stadttore Corleones und gleichzeitig der Beginn des Marktes. Dieser Teil des Marktes wurde Vucciria genannt, genau wie der noch heute aktive traditionelle Markt in Palermo. Und genau wie in Palermo, wurde hier hauptsächlich Fleisch verkauft (der Name Vucciria entstammt dem französischen Wort boucherie, also Schlachterei).

Auch heute noch ist die Piazza Nascè einer der wichtigsten Plätze Corleones. Die vielen Geschäfte und nicht zuletzt auch die Filiale der Banco di Sicilia zeigen das deutlich.

Der Name des Platzes geht übrigens auf einen der größten Söhne Corleones zurück, den Poeten Francesco Paolo Nascè (1764 bis 1830). Er verdiente seine Brötchen als Literatur-Professor an der Universität Palermo. Francesco Paolo Nascè gilt als einer der frühen Vertreter der modernen sizilianischen Literatur.

 

Piazza Garibaldi – Im Zentrum der Macht

Nur 50m weiter stehen wir auf der Piazza Garibaldi, dem weltlichen und religösen Zentrum Corleones. Letzteres wird repräsentiert durch die Chiesa di San Martino (als zen­trale Kirche auch "Chiesa Madre" genannt), das grös­ste und älteste Gebäude der Piazza Garibaldi aus dem 13. Jhd.

Direkt neben und gegenüber der Kirche befinden sich die ehemaligen Villen zweier Landbarone. Auf ihre Nachfah­ren werdet ihr hier allerdings nicht mehr treffen. Der Palazzo Cammarata, Mauer an Mauer mit der Chiesa Madre, ist heute das Rathaus von Corleone und die Bürgermeisterin demokratisch gewählt.

Der Palazzo Bentivegna gegenüber ist heute ein Geschäftsgebäude. Der Baron Francesco Bentivegna ist übrigens eine der wenigen Ausnahmen von der Regel des "bösen Barons". Er war einer der bekanntesten siziliansichen Vertreter des Risorgimento.

Schon 1848 ging er im wahrsten Sinne des Wortes gegen die spanische Besatzung auf die Barrikaden. Damals gab es nämlich nicht nur in Nordeuropa (und sogar in Deutschland) Revolutionen. Auch in Palermo versuchte man die Bildung eines sizilianischen Staates. Francesco Bentivegna wurde zum Militär-Gouverneur von Corleone ernannt.

Wie überall in Europa war diese Revolution allerdings schnell wieder vorbei. Francesco Bentivegna gab aber nicht auf und zettelte weitere Aufstände gegen die Spanier an – bis sie ihn 1856 erschossen.

Ein ähnliches Schicksal ereilte 1948 Placido Rizzotto. Er hatte im zweiten Weltkrieg in Norditalien als Partisan gegen die deutsche Besatzung gekämpft. 1945 ging er zurück in seine Heimatstadt Corleone und zettelte Streiks und andere Aktionen gegen Barone und Gabelloti an – 1948 wurde er erschossen. Die Bürger Corleones ehren heute diesen frühen Antimafia-Aktivisten durch ein Büste auf der Piazza Garibaldi.

Das Andenken an Francesco Bentivegna ist etwas weniger offensichtlich und eher indirekt. An der Mauer des Palazzo Bentivegna befindet sich eine Tafel, die an Giuseppe Garibaldi erinnert. Sie erzählt auch vom Enga­gement der Brüder Bentivegnas für Garibaldi Truppen. Am 10. Juli 1862 weilte Garibaldi hier sogar höchst­persönlich und hielt eine Rede vom Balkon des Palazzo Bentivegna herunter.

 

CIDMA – Das Antimafia-Museum

Nur wenige Meter von der Piazza Garibaldi entfernt treffen wir auf das Antimafia-Museum von Corleone. Sein offi­zieller Name ist "Centro Internazionale di Documentazione sulla Mafia e il movimento Antimafia" (CIDMA). Der Begriff "Museum" greift also eigentlich zu kurz.

Das CIDMA ist zusätzlich eine Dokumentationsstelle und Einrichtung zur Erforschung der organisierten Kriminalität. Ihr Ziel ist natürlich zu lernen, wie man diese so effizient wie möglich bekämpfen kann. Das CIDMA produziert also "Futter" für die Antimafia-Bewegung. Diese Arbeit beschränkt sich selbstverständlich nicht auf Corleone oder Sizilien, sondern ist international ausgerichtet.

Da man aber im Kampf gegen die organisierte Kriminalität in Corleone und Sizilien besonders erfolgreich ist, macht es Sinn hier ein internationales Zentrum einzurichten. Kein Wunder also, daß im Jahr 2000 der italienische Staatspräsident und eine Abgesandter Kofi Annans das kleine Corleone besuchten uund das CIDMA einweihten. Kein Wunder auch, daß der wissenschaftliche Beirat des CIDMA aus Jura-, Krimonologie-, Ökonomie- und Soziologie-Professoren zusammengesetzt ist.

Für Besucher stellt sich das CIDMA aber tatsächlich eher als Antimafia-Museum dar. Hier stehen im Mittelpunkt die Arbeiten von drei international bekannten Sizilianern: Letizia Battaglia, Paolo Borsellino und Giovanni Falcone. Letizia Battaglia war in gewisser Weise eine Kriegsfotografin: Sie wagte sich häufig als erste auf die Schauplätze der Mafia-Kriege, die durch Luciano Leggio von Corleone in Letizia Battaglias Heimatstadt Palermo getragen worden waren.

Dabei hielt sie allerdings nicht einfach im Boulevard-Stil "drauf", sondern legte sehr viel Wert auf die Gestaltung der Fotos. Diese "Ästhetik des Grauens" wurde noch durch die Verwendung von hartem Schwarzweissmaterial verstärkt.

Trotz der Vermeidung des Boulevards kann man sich natürlich über Sinn und Zweck der "Ästhetik des Grau­ens" trefflich streiten. Letizia Battaglia selber sagte kürzlich – also mit einem Abstand von rund 30 Jahren: "Wenn ich meine Bilder sehe, wird mir übel". Darin steckt aber auch eine sehr gute Nachricht: Corleone und Palermo sind heute derart friedlich, daß selbst die abgebrühte Letizia Battaglia diesen Zustand als "normal" empfindet.

Die beiden anderen Protagonisten des CIDMA – Paolo Borsellino und Giovanni Falcone – sind die wohl bekanntesten Mafia-Jäger Siziliens. Sie und ihre Kollegen waren die ersten, die wirklich erfolgreich im Kampf gegen die Mafia waren. Ihnen gelang es 1986 im sog. Maxi-Prozess mehr als 400 Mafiosi vor Gericht zu stellen. Im zentralen Raum des Antimafia-Museums sind die Ermittlungsakten ausgestellt (siehe Bild rechts oben).

Abgesehen von dem enormen persönlichen Einsatz der Mafia-Jäger, beruhte ihr Erfolg ganz entscheidend auf dem von Letizia Battaglia dokumentierten Grauen der Mafia-Kriege. Deren Opfer waren nämlich überwiegend Mafiosi und ihre Familienangehörigen. Einigen von ihnen wurde der Boden unter den Füßen derart heiss, daß sie sich regelrecht in die Obhut der Mafia-Jäger flüchteten. Die bekamen damit zum ersten Mal einen tiefen Einblick in die inneren Strukturen der Organisation. Das war der Anfang vom Ende der sizilianischen Mafia.

 

Ospedale dei Bianchi – Das Krankenhaus des Paten

Nur 50m weiter liegt das frisch renovierte Gebäude des alten Krankenhauses von Corleone. Wie nahezu alle sozialen Einrichtungen gehörte das Gebäude der Kirche, genauer der damals gerade gegründeten "Compagnia dei Bianchi". Sie stellte es 1476 der Stadt als Kranken­haus zur Verfügung. Es heisst daher seitdem "Ospedale dei Bianchi".

Der Name dieser ursprünglich aus Florenz stammenden Bruderschaft rührt von den weissen Gewändern und Kapuzen, in denen sie ihre Prozessionen abhalten. Sie sehen denen des Ku-Klux-Klan recht ähnlich. Die Bruder­schaft der "Bianchi" hat allerdings nicht im Entferntesten etwas mit dieser kriminellen Organisation zu tun. Trotzdem wirken Fotos der Bianchi-Prozessionen, besonders na­türlich in Corleone, irgendwie beunruhigend.

Beunruhigend war auch der Zustand des alten Kranken­hauses. Obwohl ein neues Krankenhaus gleich neben dem Stadtpark bereits seit 1952 fertiggestellt war, wurde das alte bis in die 60er Jahren hinein betrieben. Eine Do­kumentation der RAI über das Corleone der 60er Jahre zeigt Szenen aus dem Alltag dieses Krankenhauses. Sie erinnern eher an die "Dritte Welt" als an Westeuropa.

Verantwortlich dafür war ein gewisser Dr. Michele Navarra. Navarra, geboren 1905 in Corleone, studierte in Palermo Medizin, wurde daraufhin Militärarzt und kam 1942 zurück in seine Heimatstadt. Als Bezirksarzt hätte er ein angesehener und unbescholtener Bürger Corleones werden können. Michele Navarra war aber schlicht ein schlechter Mensch – machtgierig und skrupellos. Perfekt also für eine Karriere im chaotischen Nachkriegs-Corleone.

Schon 1944 wurde er Boss des lokalen Mafia-Clans. Jetzt kam schnell Ordnung ins Nachkriegs-Chaos – die blutige Ordnung des Michele Navarra. Wer ihm im Weg stand wurde niedergemacht. So ermordete er 1946 den Chef des alten "Ospedale dei Bianchi" – einfach nur um seinen Posten zu bekommen. Besser gesagt – er ließ ihn ermorden.

Der Herr Doktor machte sich nämlich nur selten selber die Hände schmutzig. Die Drecksarbeit machten "junge Wilde" wie z.B. ein gewisser Luciano Leggio. Als dann 1952 das neue Krankenhaus eröffnet werden sollte, wollte Navarra natürlich auch dessen Direktor werden. Das aber wurde ihm von "höherer Stelle" verweigert – und die hatte er nicht unter Kontrolle. Corleone aber schon. Und so nahm das Bauamt der Stadt das neue Krankenhaus einfach nicht ab.

Aber wer Wind sät, der wird Sturm ernten: Der skrupellose Michele Navarra wurde 1958 von dem noch skrupelloseren Luciano Leggio umgebracht. Das konnte er sich natürlich nur erlauben, weil er mittlerweile eigene "Truppen" um sich geschart hatte. Dazu gehörten u.a. zwei "junge Wilde": Salvatore (Totò) Riina und Bernardo Provenzano.

Sie sollten sich später noch einen Namen weit über Sizilien hinaus manchen. Der Begriff "Truppen" passt durchaus, denn nach der Ermordung Navarras brach in Corleone ein Bandenkrieg aus. Luciano Leggio gewann und trug den Krieg nach Palermo. An dessen Ende standen zuerst Totò Riina und danach Bernardo Provenzano als "Boss der Bosse" der sizilianischen Mafia.

 

Bottega della Legalità – Einkaufen gegen die Mafia

300m nordwestlich vom alten Krankenhaus – dem Symbol für den Beginn des Aufstieg des Clans der "Corleonesi" – treffen wir eines der Symbole für ihren Fall: die "Bottega della Legalità". Beides – also Aufstieg und Fall – haben letztlich ein und denselben Grund: die exzessive Gewalt der Corleonesi.

Daß der Aufstieg so gelang ist klar. Der entscheidende Nachteil aus Sicht der Mafia: Selbst die im Nachkriegs-Italien dominierenden Christdemokraten und die katho­lische Kirche konnten die Existenz der Mafia nicht länger leugnen.

So wurde schon Anfang der 60er Jahre eine Untersu­chungskommission gegründet. Sie konnte den Aufstieg der Corleonesi zwar nicht bremsen aber immerhin ausführlich dokumentieren.

Das war die Basis für eine neue Idee: Im "Palazzo di Giustizia" von Palermo gründete sich 1980 der erste "Pool Antimafia" Italiens. Ein "Pool" bezeichnet im Italienischen ein Team von Spezialisten, die sich auf eine Aufgabe konzentrieren.

Zwei der Spezialisten des Antimafia-Pools wurden weltweit bekannt: die Ermittlungsrichter Giovanni Falcone und Paolo Borsellino. Sie machten sich einen zweiten Nachteil der exzessiven Gewalt der Corleonesi zunutze – die Angst. Für nicht wenige Mafiosi war es als Gefangene des Antimafia-Pools angenehmer und vor allen Dingen sicherer.

Diese sog. "Pentiti" boten dem Antimafia-Pool einen tiefen Einblick in die inneren Strukturen der sizilianischen Mafia. Die war damit nicht länger eine Geheimorganisation und der Abstieg begann. Der letzte Boss der Bosse aus Corleone – Bernardo Provenzano – ging den Ermittlern 2006 ins Netz.

Ihm war es allerdings ab Mitte der 90er Jahre gelungen, den Abstieg zu bremsen. Dazu erließ er eine Art "Gewaltverzicht" und dezentralisierte die Führungsstrukturen. Aber auch die Antimafia hatte dazugelernt.

Sie basiert heute auf drei Säulen: Erstens bleibt trotz aller Erfolge der Ermittlungsdruck permanent hoch, zweitens wird im großen Stil Mafia-Eigentum konfisziert und drittens wird der zivile Widerstand gefördert.

Auch die "Bottega della Legalità" steht auf diesen drei Säulen. Das Gebäude gehörte der Familie von Bernardo Provenzano, wurde konfisziert und mit Mitteln des Innenministeriums zu einem Ladengeschäft umgebaut. Die gemeinnützige Antimafia-Organisation "Laboratorio della Legalità" betreibt das Geschäft und der permanente Ermittlungsdruck schützt die Betreiber vor Übergriffen.

Die "Bottega della Legalità" bündelt zusätzlich zwei grundlegende Aktivitäten des zivilen Widerstands. Sie verkauft landwirtschaftliche Produkte, die von anderen gemeinnützigen Organisationen auf konfisziertem Land erzeugt wurden. Damit ist also die gesamte Kette vom Erzeuger zum Verbraucher mafiafrei.

Daneben kümmert sich die "Bottega della Legalità" um die Aufklärung. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei naturgemäß auf der jungen Generation. Wundert Euch also nicht, in der Bottega auf diskutierende Schul­klassen zu treffen.

Dieses ist ganz besonders im Sinne von Paolo Borsellino und Giovanni Falcone. Schon diesen Pionieren des Kampfes gegen die Mafia war der "Kampf um die Köpfe" wichtiger als die juristischen Maßnahmen. So stellte z.B. Giovanni Falcone das Wesen eines Rechststaates in regelmäßigen Fernsehsendung dar.

Paolo Borsellino war nicht der Typ für öffentliche Auftritte. Ihm wurde daher die Stiftung Progetto Legalità gewidmet. Sie versorgt Schulen mit Antimafia-Material. Das italienische Wort "Legalità" hat also eine deutlich weitere Bedeutung als das trockene deutsche Wort "Legalität".

 

Borgo Schirò – Mussolini und die Antimafia

Einen wichtigen Vertreter der Antimafia-Bewegung haben wir bisher ignoriert: Mussolini. Es gibt einen allgemeinen und einen speziell sizilianischen Grund für Mussolinis Engagement.

Der allgemeine Grund ist klar: ein Faschist strebt immer die alleinige Macht an – genau wie die Mafia. Im speziellen sizilianischen Fall überwarf Mussolini sich zusätzlich mit den Baronen, also denjenigen, die der Mafia im wahrsten Sinne des Wortes den Boden bereitet hatten.

Zu Beginn seiner Herrschaft hatte er sie noch umgarnt. Schließlich war die Kornkammer Sizilien wichtig für Mussolinis aggressive Expansionspläne.

Mussolini versuchte, die Barone insbesondere zu einer Modernisierung der feudalistisch-rückständigen Anbaumethoden zu bringen. Soldaten haben schließlich Hunger. Wie wir aber schon gesehen haben, hatten die Herrschaften überhaupt keine Lust, sich mit der Landwirtschaft zu befassen. Mussolini platzte daher irgendwann der Kragen. 1937 rief er zum "Assalto al latifondo" auf.

Dieser "Sturm auf den Großgrundbesitz" bedeutete in der Praxis, die Brachflächen der Barone zu enteignen, dort "Kolonien" einzurichten und diese mit landlosen Bauern zu besetzen. Diese wenig bekannten Kolonien sind heute verfallende Geisterdörfer.

Eines von ihnen wartet in der Nähe von Corleone auf Archäologen, die sich der Neuzeit widmen: das Borgo Schirò. Gegründet in den 40er Jahren, wuchs die Einwohnerzahl des Borgo Schirò bis in die 50er Jahre auf ca. 100 Bewohner an. Sie verfügten über all das, was man in einem sizilianischen Dorf erwartet: um eine große Piazza gruppierten sich ein Brunnen, eine Bar, ein Lebensmittelladen, eine Schule, ein medizinischer Notdienst, ein Rathaus und natürlich eine Kirche – alles gestaltet im typischen "Mussolini-Design".

Obwohl die von Mussolini eingeleitet Landreform nach dem Krieg weitergeführt wurde, liefen dem Borgo Schirò (und auch all den anderen Kolonien) schon ab dem Ende der 50er Jahre die Bewohner davon. Die enteigneten Flächen waren schlicht zum Leben zu klein und zum Sterben zu groß. Das Hauptziel der Kolonien – die Verhinderung der Auswanderung – wurde also nicht erreicht.

Und so lebten ab den 70er Jahren im Borgo Schirò nur noch die Familie des Lebensmittelhändlers (das Bild oben rechts zeigt die Reste seines Ladens) und ein Pfarrer. Erster sorgte für das leibliche Wohl der in der Umgebung arbeitenden Bauern, zweiterer für das seelische. Genervt durch die Plünderung der leerstehenden Gebäude zog die Kaufmannsfamilie bald nach Corleone um.

Nachdem zuletzt sogar die Kirche zum Ziel der Plünderer geworden war, verließ im Jahr 2000 auch der Pfarrer den Borgo Schirò. 1997 entdeckten Studenten der Akademie der Schönen Künste aus Palermo den Borgo Schirò. Sie verzierten die Ruinen mit Graffiti.

 

"Von Kamen nach Corleone…"

… so heisst ein Buch der deutschen Journalistin Petra Reski. Es ist allerdings mitnichten ein Reiseführer für Ruhrpottler, die sich Corleone ansehen möchten. Petra Reski begibt sich in ihrem neuesten Buch vielmehr auf die Spur der deutsch-italienischen Mafia. Richtig gelesen: deutsch-italienisch!

Einer ihrer Zwischenstopps ist z.B. die eher unspektaku­läre Kleinstadt Willich. Dorthin zog in den 60er Jahren ein gewisser Simone Provenzano aus Corleone – als "Gast­arbeiter". So erschien es jedenfalls auf den ersten Blick.

Er nahm bei Thyssen einen Job als Stahlarbeiter an und mietete sich ein kleines Reihenhäuschen. 2005 ging er als Pensionär zurück nach Corleone. Kein Wunder, wer möchte nicht gerne den Winter unter sizilianischer Sonne verbringen. Soweit also eine ganz normale "Gastarbeiter-Geschichte".

Simone Provenzano waren noch fünf Jahre vergönnt. Er starb 2010 an einem langjährigen Herzleiden. Seltsam allerdings war die Länge des Trauerzugs. Seltsam auch, daß einige Geschäftsleute die Rollläden heruntergelassen hatten. Die ganze Zeremonie war sogar der überregio­nalen römischen Tageszeitung "La Repubblica" einen längeren Bericht wert.

Der simple Grund: Simone Provenzano war ein Bruder des Paten Bernardo Provenzano. Nun darf man natürlich nicht blind der Sippenhaft verfallen. Damit würde man sich glatt auf das Niveau der Mafia begeben. Man sollte andererseits aber auch nicht naiv sein. Gerade in Sizilien ist es ziemlich schwer, der Familie zu "entkommen" – egal ob kriminell oder nicht.

Und tatsächlich: 1963 wurde Simone Provenzano des versuchten Mordes angeklagt. Er hatte wohl im Ban­denkrieg zwischen den Anhängern von Michele Navarra und Luciano Leggio mitgemischt. Man musste ihn allerdings wegen "Mangels an Beweisen" laufen lassen.

An selbigen mangelte es in den 80er Jahren dann aber nicht mehr: Laut Aussagen der Pentiti war Simone Provenzano der Verbindungsmann der Corleonesi nach Deutschland. Übrigens sprechen auch die beiden Söhne von Bernardo Provenzano fliessend deutsch. Wieso das so ist und welche Interessen die Mafia in Deutschland verfolgt beschreibt Petra Reski interessant verpackt in der Beschreibung ihrer Fahrt "Von Kamen nach Corleone".

 

Das ruhmlose Ende des Paten

Mario Puzo zeichnet in "Der Pate" ein ziemlich glamourö­ses Bild des Mafia-Alltags. Don Vito Corleone und seine Familie leben in großen amerikanischen Villen mit Pool. Weilt man in Sizilien, dann natürlich in den barocken Villen des sizilianischen Adels.

Autos gibt es im Überfluss und natürlich sind es immer die größten. Man gönnt sich ja sonst nichts! Es ist natürlich kein Wunder, daß in dem damals besonders armen Sizilien junge Männer von diesem "Vorbild" angezogen waren.

Cool waren damals Jugendliche, die "jemanden" kannten. Damit konnte man so richtig angeben. Heute ist das völlig anders. Niemand würde eine Verbindung zu den wenigen, sich noch in Sizilien herumtreibenden Mafia-Familien "heraushängen" lassen. Im Gegenteil – heutzutage wäre das "voll Assi".

Kein Wunder, wenn man sich die "Villa" von Bernardo Provenzano, dem letzten Paten der "Corleonesi" ansieht. Er wurde 2005/2006 auf einem kleinen Bauernhof in der Nähe von Corleone entdeckt (siehe Bild oben rechts) und beschattet. Am 11. April 2006 gelang der Zugriff. Diese Dokumentation der RAI zeigt Bernardo Provenzano direkt nach dem Zugriff und die Einrichtung seiner Behausung:

Angesichts dieser Bilder ist völlig klar, warum die Mafia heutzutage wirklich nicht mehr "cool" ist. Dieser soziale Abstieg ist enorm wichtig, um die Mafia-Kultur nachhaltig aus den Köpfen zu bekommen. Denn der Krieg um die Köpfe ist mindestens genauso wichtig, wie der um die Plätze.

Letzterer ist in Corleone schon lange gewonnen, ersterer braucht noch eine Menge Geduld. Um diese nicht zu verlieren, sollte man immer an den viel zitierten Satz des Mafia-Jägers Giovanni Falcone denken:
"…alles, was von Menschen gemacht wird, hat einen Anfang und wird auch ein Ende haben".

 

Die neue Mafia

Petra Reski beschreibt die Aufnahmen der RAI von der Festnahme Bernardo Provenzanos als seinen letzten Sieg. Die fast schon bemitleidenswerten Bilder des gealterten Paten und seiner armseligen Behausung würden suggerieren, mit der Mafia sei es nun endgültig vorbei.

Das wäre in der Tat eine fatale Fehleinschätzung. Die "Corleonesi" sind zwar am Ende und die "traditionelle" sizilianische Mafia der Paten ist insgesamt enorm geschwächt. Die von Bernardo Provenzano eingeführte Politik der "Gewaltlosigkeit" war aber durchaus erfolgreich.

Die "Neue Mafia" zieht die Fäden im Hintergrund. Beliebt sind z.B. das Abgreifen von EU-Subventionen für eigentlich unterstützenswerte Projekte, die von regenerativen Energien bis zum Anbau von Biowein reichen. Wie sich diese neue Form der Mafia zeigt, wie aber auch sie mittlerweile unter Druck kommt zeigen die Artikel Mafia – Wie sie in Sizilien zu verschwinden beginnt und am Beispiel des sizilianischen Gesundheitssystems Michele Aiello – Oder der Versuch, das Gesundheitswesen auf Sizilien in die Hände der Mafia zu bringen.

 

 

 

5 Kommentare

Comments RSS
  1. Heinz Heckmanns

    Selbst auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: es gibt keine bessere Sizilien-Seite und Britta versteht es immer wieder, die Leser zu unterhalten und trotzdem neues Wissen zu vermitteln. Ich freue mich jedes Mal über einen newsletter und kann es kaum erwarten, wieder bei meinen Freunden in S.Flavia/Porticello/S. Elia zu sein., An alle sende ich gute Wünsche zum Weihnachtsfest und für 2013 wünsche ich Gesundheit und Zufriedenheit.
    Heinz Heckmanns

    • Britta Bohn

      Hallo Heinz, vielen Dank! Ein erholsames Weihnachten und alles Gute für 2013 wünscht Dir Britta.

  2. Sonja

    Sehr interessanter Artikel – vielen Dank!

  3. Tellmann

    Hallo Solemar Sicilia Team,

    Auch wenn es in absehbarer Zeit nichts mit Sizilien urlaubsmäsig wird, freue ich mich jedesmal über die interessanten Hintergrundinfos. Urlaub kann eben viel mehr als nur Erholung sein!
    Mit herzlichem Gruss

    Michael Tellmann

  4. Stefanie

    Toller, wissensreicher Artikel über Corleone und die Antimafia-Tradition dort! Tolle Sizilienseite, wird mir helfen, meine erste Sizilienreise zu planen!

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