Die Geschichte Siziliens

Ein kurzer Blick auf eine lange Geschichte

Sie haben immer schon geplant einmal nach Sizilien zu reisen? "Das Land, in dem die Zitronen blühen" wie einst schon ein faszinierter Goethe feststellte. Das Land großer griechischer Tempel, barocker Pracht, moderner Kunst und – der Mafia. Diese ist leider DAS Markenzeichen von Sizilien, spielt aber in der langen und facettenreichen Geschichte Siziliens nur eine kleine, miserabel besetzte Nebenrolle, die im übrigen ihre "beste Zeit" längst hinter sich hat. Dieser Artikel beschreibt, wie es zu all dem kam und warum sich Sizilien auf eine neue Blütezeit freuen darf.

Veröffentlicht am:  23. Oktober 2011

Letzte Änderung:  21. Oktober 2012

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Die Geschichte hinter der Geschichte

Sizilien ist immer noch ein recht spezielles Reiseziel. Kein Wunder also, daß die Insel viele Urlauber anzieht, die an mehr als ihrer wunderbaren Sonne interessiert sind. Wer "mehr" wissen möchte, ist zumeist auch an der Geschichte der Dinge interessiert.

Der Geschichte Siziliens haben sich besonders die drei Herren Finley, Smith und Duggan sehr ausführlich gewidmet [1] – zu ausführlich allerdings für den "normalen" Sizilien-Reisenden.

Genau an sie richtet sich dieser Artikel. Er beschreibt kurz die wichtigsten Ereignisse der sizilianischen Geschichte und stellt Orte vor, an denen der Reisende ihnen heute noch nachspüren kann.

Die zeitlichen Übergänge zwischen den verschiedenen Phasen nicht nur der sizilianischen Geschichte sind natürlich eher fließend. Die alten Römer haben die noch älteren Griechen schließlich nicht an einem Tag verdrängt. Die meisten der im Artikel verwendeten Jahreszahlen sind also eher symbolisch gemeint. Ein Übergang verlief allerdings sehr schnell: Sizilien gehört seit 1860 zu Italien. Ab hier ist der Artikel eher thematisch als chronologisch geordnet.

Wichtig auch: In diesem Artikel war keine ausgebildete Historikerin, sondern eine neugierige Sizilien-Liebhaberin am Werk. Die historischen Fakten stammen überwiegend aus dem Buch von Finley, Smith und Duggan [1] und dem neueren, sehr interessanten Buch von Dittelbach [2]. Die Tipps zu den historischen Schauplätzen nutzen eine bekannte Sammlung von Wegbeschreibungen. Diverse Videos sind YouTube-Mitschnitte von Phoenix- oder Arte-Sendungen. Die Bilder und einige der Videos kommen aus "eigener Herstellung".

Urlaub in Sizilien

Für Reisende, die "mehr" wissen möchten bieten die üblichen Reiseveranstalter Komplettpakete an. Sie jagen den Interessierten meist in einer Woche über die Insel.

Wer es dagegen ruhiger angehen möchte – schließlich haben Sie Urlaub – sollte sich zwei Wochen Zeit nehmen und eine Unterkunft in der Nähe von Palermo suchen. Hier finden Sie ohne viel Reisestress nahezu alle Aspekte Siziliens konzentriert.

Ausserdem ist die Anreise sehr einfach: Palermo bietet nicht nur einen eigenen großen Flughafen, sondern ist auch sehr gut vom Flughafen Catania und vom Flughafen Trapani aus erreichbar.

Dazu benötigen Sie keineswegs unbedingt einen Mietwagen, obwohl er insbesondere für Ausflüge in das Landesinnere die höchste Flexibilität bietet und solche Ausflüge mit einem Routenplaner einfach planbar sind.

Auch mit Bus und Zug kommt man im Sizilien-Urlaub gut voran. Die italienische Bahn Trenitalia ist inbesondere eine Alternative für all diejenigen, deren Ferienwohnung sich in Palermo oder Umgebung befindet. Ausserdem ist der Hauptbahnhof Palermo von den anderen beiden Flughafen-Städten, also Catania und Trapani aus gut mit Überlandbussen erreichbar.

Individualreisende möchten im Urlaub zwar unabhängig sein, freuen sich aber trotzdem meist auch über eine lockere, unkomplizierte Betreuung vor Ort. Hierzu bietet sich die direkt am Golf von Palermo liegende Sprachschule Solemar Sicilia Ferienwohnungen in diesen Urlaubsorten an:

 

Zeitleiste

20.000 v. Chr. 750 v. Chr. Erste Zeugnisse
750 v. Chr. 215 v. Chr. Griechen
215 v. Chr. 831 Römer
831 1071 Araber
1071 1194 Normannen
1194 1266 Staufer
1266 1282 Die Anjou und die sizilianische Vesper
1282 1860 Spanier (Aragón, Habsburger, Bourbonen)
1812 Ende des Feudalismus
1860 Risorgimento
vor 1914 / nach 1945 Auswanderungswellen
???? 1950 Brigantentum
1940 / 1950 – 1958 Landreform
1865 heute Mafia
1865 heute Antimafia
ab heute Zukunft
 

Erste Zeugnisse

20.000 v. Chr. – 750 v. Chr.

Besonders bei gutem Wetter ist Mondello der Anziehungspunkt für Familien aus Palermo. Hier gibt es den schönsten Strand weit und breit. Viele Bars und Restaurants laden zu sizilianischer Küche ein. Auch das Ambiente ist perfekt: Statt grauer Betonburgen trifft man in Mondello auf Jugenstil-Villen.

Die Bars, Restaurants und Villen gab es hier vor 10.000 Jahren mit Sicherheit noch nicht – den Strand aber schon. Dieser ist sicher auch für die damals lebenden Menschen sehr attraktiv gewesen. Für sie war Mondello aber noch aus einem ganz anderen Grund interessant: die Grotte von Addaura (Grotta dell’Addaura). Addaura ist der südliche Zipfel von Mondello und liegt zu Füßen des Monte Pellegrino. Die Grotta dell’Addaura ist ein riesiges Loch in diesem Berg und bereits von Weitem zu sehen:

Sie zog 1943 auch die Alliierten nach ihrer Landung auf Sizilien an. Sie nutzten die Höhle von Addaura als Munitionsdepot. Ein Unfall mit dieser Munition brachte Teile der Höhle zum Einsturz – und Höhlenmalereien zum Vorschein. Glücklicherweise wurde trotz der Kriegswirren eine der bekanntesten Archäologinnen Siziliens hinzugezogen. Ihr ist es zu verdanken, daß die Höhlenmalereien heute im Museo Archeologico Regionale von Palermo zu sehen sind. So verbindet sich auf seltsame Weise die sizilianische Geschichte der Steinzeit mit der des 2. Weltkriegs. Die Höhlen selber kann man seit 1997 leider wegen Steinschlaggefahr nicht mehr besichtigen.

Höhlen, in denen unsere Vorfahren Spuren hinterlassen haben, findet man aber nicht nur bei Mondello, sondern überall auf Sizilien. Kein Wunder, war die Insel damals doch wald- und wildreich und brachte auch ohne Bewässerung viele Früchte hervor: Die Entwaldung hatte noch nicht stattgefunden. Wenn Sie also versuchen möchten sich in die Geschichte zurückzuversetzen, ersetzen Sie einfach vor Ihrem inneren Auge sämtliche moderne Bebauung durch Urwald. Spüren Sie sie schon, die hohe Luftfeuchtigkeit?

Die ersten schriftlichen Zeugnisse zur Geschichte von Sizilien entstammen der Feder griechischer Historiker. Sie berichten von den Sikulern, einer indogermanischen Volksgruppe, die vom italienischen Festland kam und die alteingesessenen Sikaner (vermutlich eine Volksgruppe aus dem Nahen Osten) ins westliche Sizilien verdrängten. Wir haben diese Zeugnisse natürlich nur deshalb, weil die alten Griechen ihrerseits Gefallen an Sizilien gefunden hatten.

 

Griechen

750 v. Chr. – 215 v. Chr.

Die alten Griechen fanden sogar derart an Sizilien Gefallen, daß sie hier große Städte und einige ihrer aufwändigsten Tempel bauten. Letztere sind in jedem Reiseführer ausführlich beschrieben. Ein sehr schönes Beispiel hierfür ist das Tal der Tempel bei Agrigento. Die alten Städte allerdings sind mittlerweile von ihren modernen Nachfolgern überwuchert.

Eine der wenigen Ausnahmen davon ist Solunto auf dem Territorium der heutigen Gemeinde Santa Flavia. Die Lage und die im Vergleich zu Agrigento nur geringe Bedeutung haben zumindest die Straßen und Grundmauern von Solunto bis heute erhalten. Die Ausgrabungen sind weitgehend abgeschlossen und daher ist die antike Stadt jetzt für Besucher geöffnet. Der Artikel Solunto gibt Ihnen einen Überblick über die Geschichte dieser Stadt.

Im Amphitheater von Solunto stehend und den unglaublichen Blick auf das Mittelmeer und die umgebenden Berge geniessend, können Sie sich sicherlich vorstellen, daß hier die alten griechischen Geschichten und Legenden wie z.B. die von Dädalus und Ikarus oder Demeter und Hades entstanden sein können.

Die griechischen Sizilianer waren aber nicht nur gut im Geschichten erzählen, sie haben auch große Wissenschaftler hervorgebracht. Der bekannteste von ihnen war Archimedes. Er stammte aus Syrakus (heute Siracusa) an der Südwest-Küste von Sizilien. Syrakus galt damals als eine der mächtigsten Städte im ganzen Mittelmeerraum. Auch ein Zeichen dafür, daß die Griechen Sizilien nicht als Provinz, sondern als Heimat ansahen.

Archimedes paßt in unser Bild vom antiken Griechenland als Ursprung von Kunst, Kultur und Wissenschaft. Die Geschichte der Göttin Demeter weist in eine andere, weniger bekannte Stärke der alten Griechen – die Landwirtschaft. Auch zur Zeit der Griechen war Sizilien noch stark bewaldet. Die Landwirtschaft blühte und Sizilien wurde ein Exportland für Weizen, Oliven, Wein, Holz, Nüsse, Obst, Gemüse, Vieh, Wild.

Diese Landwirtschaft dürfen wir uns aber nicht wie heute, also als Familienbetrieb vorstellen. Das Land war in den Händen weniger aristrokratischer Familien. Die eigentliche landwirtschaftliche Arbeit machten Landlose. Diese aristrokratischen Familien hatten außerdem großen Einfluß auf religiöse und juristische Dinge.

Die Griechen brachten Sizilien eine erste Blütezeit aber auch häufig Kriege – sowohl Kriege untereinander, als auch Kriege mit externen Mächten, die ein Auge auf Sizilien geworfen hatten. Am Ende gerieten sie zwischen die Mühlsteine zweier Großmächte, den Römern aus dem heutigen Italien und den Karthagern aus dem heutigen Nordafrika.

Die Römer bezeichneten die Karthager als „Punier“ und die Historiker daher die verheerenden Kriege zwischen beiden als „Punische Kriege“. Am Ende gewannen die Römer. Sie verleibten sich Sizilien als erste römische Provinz ein.

 

Römer

215 v. Chr. – 831

Wenn Sie eine Rundreise durch das heutige Sizilien machen, stoßen Sie überall auf Bauwerke der alten Griechen. Die Römer scheinen dagegen nur eine Luxusvilla, die berühmte Villa Romana del Casale hinterlassen zu haben. Sie ist u.a. wegen ihrer sehr schön erhaltenen Mosaiken bekannt und wurde 1997 zum UNESCO Weltkulturerbe erklärt. Allen modebewußten Lesern ist eines der vielen Mosaike sicherlich schon einmal begegnet: es zeigt Mädchen im Bikini. Also auch die sind keine moderne Erfindung.

Wer in der Nähe von Palermo Urlaub macht, muß aber nicht unbedingt den weiten Weg zur Villa Romana del Casale machen um römische Geschichte zu schnuppern. Tatsächlich gibt es auch mitten in Palermo Reste zweier römischer Villen mit gut erhaltenen Mosaiken. Sie können zwar nicht mit der Größe der Villa Romana del Casale mithalten, aber es ist ja nicht immer die Masse die zählt.

Die beiden römischen Villen befinden sich im schönen Palmen-Park Villa Bonanno gegenüber dem Palazzo dei Normanni.

Die besonders schönen Mosaiken werden natürlich nicht Wind und Wetter ausgesetzt. Diese können sie im Museo Archeologico Regionale bewundern.

Die wohl (im wahrsten Sinne des Wortes) einschneidenste Hinterlassenschaft der alten Römer kann man nicht sehen. Das klingt paradox, ist aber tatsächlich so: es ist der fehlende Wald. Die Ressource Holz war in den punischen Kriegen ausserordentlich gefragt und das Thema Wiederaufforstung damals noch nicht bekannt. Das gilt leider auch für die Nachfolger der Römer und nicht nur für Sizilien, sondern für die Geschichte des gesamten mediterranen Raums.

Glücklicherweise hat sich die Situation mittlerweile zum Positiven entwickelt. Sizilien gilt heute als die grünste Mittelmeer-Region und bietet große zusammenhängende und unter Naturschutz stehende Waldgebiete. Besonders bekannt sind die Nebroden und die Madonien. Weniger bekannt und daher vom Tourismus nahezu unbeleckt sind z.B der Bosco della Ficuzza und das Reservat Pizzo Cane, Pizzo Trigna e Grotta Mazzamuto.

Die geringe Präsenz römischer Bauten auf Sizilien kommt ebenfalls nicht von ungefähr. 500 Jahre griechische Kultur liessen sich nicht so einfach wegwischen. Es war auch gar nicht das Ziel der Römer. Sie betrachteten Sizilien im Wesentlichen als ihre Kornkammer.

Die lokale Verwaltung blieb daher meist in den alten Händen. Das gleiche galt für die Struktur des Landbesitzes: Es gehörte weiterhin wenigen aristokratischen Familien. Nur der "juristische Status" der Landarbeiter änderte sich: Sie waren nun Sklaven. Auch mit den Göttern der Griechen hatten die Römer keine Probleme. Sogar die "religiöse Amtssprache" blieb Griechisch (die weltliche wurde aber natürlich Latein).

Erst nach ungefähr 500 Jahren römischer Herrschaft gab es einen starken kulturellen Umbruch. Das Christentum verbreitete sich sehr schnell und wurde 380 zur Staatsreligion. 391 wurden die alten Götter sogar verboten. Das Kennzeichen für die Verbreitung des Christentums sind die Katakomben in ganz Sizilien.

Auch die Struktur des Grundbesitzes änderte sich schnell. Viele sizilianische Großgrundbesitzer schenkten der Kirche ihre Güter. So entstand das sog. "Patrimonium Petri". In Sizilien wurde die Kirche schnell zum größten Grundbesitzer. Wir werden bald sehen, daß dieses den weiteren Verlauf der Geschichte Siziliens stark beeinflusste.

Parallel zum Aufstieg des Christentums begann der Niedergang des römischen Reiches. Das Jahr 390 markiert den Beginn einer Reihe von Plünderungen Roms ("Sacco di Roma"). Die bekannteste ist wohl die durch den Goten Alarich. 395 wurde das römische Reich in eine westliche und eine östliche Hälfte geteilt. Die ganze Geschichte dieser Teilung erzählt das folgende Video:

Das Westreich zerfällt zusehends, während sich aus der östlichen Hälfte das Byzantinische Reich entwickelt. Dessen Hauptstadt war Konstantinopel, das heutige Istanbul. Dort entwickelte sich mit den Orthodoxen Kirchen auch eine neue Strömung des Christentums.

Sizilien blieb nach der Teilung zuersteinmal unter weströmischem Einfluss, fiel aber 535 an das Byzantinische Reich. Damit schloss sich der Kreis der antiken Geschichte Siziliens, denn nun kam die griechische Kultur und Sprache nach Sizilien zurück – wenn auch in neuem Gewand. Nicht zurück kamen natürlich die alten Götter. Sie wurden durch die Orthodoxen Kirchen ersetzt. Den orthodoxen Einfluß auf Siziliens Geschichte können Sie z.B. im Dom von Cefalù bewundern.

Weiter südlich hatte sich in der Zwischenzeit eine weitere monotheistische Religion gebildet – der Islam. Mit ihm begann eine Blütezeit der arabischen Kultur. Wie zuvor die Griechen und besonders die Römer, setzten auch die Araber auf eine aggressive Expansion.

Ähnlich wie in den Punischen Kriegen, geriet Sizilien wieder einmal zwischen die Mühlsteine zweier Großmächte. Die Araber drängten Richtung Norden und das Byzantinische Reich betrachtete Sizilien als christlich-orthodoxes Bollwerk gegen den Islam.

Sizilien wurde also nach einer langen Zeit des Friedens von schweren Kriegen heimgesucht. Aus ihnen gingen die Araber siegreich hervor. Sizilien wurde ein Emirat, also eine arabische Provinz.

 

Araber

831 – 1071

Wenn Sie einen Spaziergang durch die Altstadt von Palermo machen, werden Sie immer wieder auf arabisch anmutende Gebäude stoßen. Ein bekanntes Beispiel dafür sind die Kirchen San Cataldo und San Giovanni degli Eremiti mit ihren roten Kuppeln.

Aber auch auf dem Land findet man immer wieder Hinweise auf die arabische Geschichte Siziliens. So können Sie in Cefalà Diana das einzige noch erhaltene arabische Badehaus Siziliens bewundern.

Wie schon die alten Griechen, betrachteten sich auch die Araber als Siedler. Sie eroberten Sizilien nicht nur, sondern brachten auch ein paar interessante Dinge mit. Die für Touristen sichtbarsten Zeichen sind diejenigen, die in Stein gehauen sind.

Viel wichtiger für Sizilien waren aber andere Mitbringsel, die wir heute für typisch sizilianisch halten. Dazu zählen insbesondere die Zitrusfrüchte aber auch Dattelpalmen, Zucker(rohr), Mandeln und Marzipan. Der Anbau der für Sizilien neuen Gewächse setzte eine ausgeklügelte Bewässerungstechnik voraus. Auch sie brachten die Araber nach Sizilien.

So sind also auch die Araber für die Durchlöcherung des Untergrunds von Palermo mitverantwortlich. Sie bauten hier nämlich die sog. Kanat (auch Qanat), eine tausende Jahre alte Technologie, mit der Wüstenvölker Frischwasser aus den Bergen in die Wüsten transportierten. Dieses Video zeigt, daß Kanats noch heute im Iran genutzt werden:

Die Araber wussten das Wasser auch zur Kühlung zu nutzen. Ein gutes Beispiel dafür ist das Castello della Zisa in Palermo. Die Zisa wurde zwar unter den Normannen, also den Nachfolgern der Araber gebaut, die Baumeister waren aber letztere.

Das Dach der Zisa ist eine riesige Zisterne, aus der das Wasser auf ausgefeiltesten Wegen durch das Gebäude gelenkt wird. Das fliessende Wasser diente dabei nicht nur dem körperlichen, sondern auch dem ästhetischen Wohlbefinden. Durch eine geschickte Positionierung der Fenster ergaben sich für die damalige Zeit phantastische Lichtspiele.

Es ist kein Wunder, daß der arabische Einfluss noch heute besonders in Palermo auffällig ist. Während der Schwerpunkt griechischer und römischer Herrschaft in Ost-Sizilien lag, verschob er sich unter den Arabern in den Westen. Einen besonderen Aufschwung erlebte Palermo und entwickelte sich bereits damals zu einer Großstadt mit internationalem Flair.

Den großen kulturellen Einfluss der Araber erkennt man noch heute in der Sprache. So nutzt man heute in Sizilien noch einige Hundert Worte bzw. Namen arabischen Ursprungs. Ein typisches Beispiel hierfür ist "Marsala", eine Stadt in der Nähe von Trapani. Die Bedeutung dieses Namens ist "Hafen Allahs".

Papst Nikolaus II (1058 – 1061) hatte gleich zwei Gründe, an der arabischen Besetzung Siziliens zu rütteln. Zum einen nervte ihn ohne Ende, daß sich an der Südflanke seines Einflußbereichs eine mächtige Konkurrenz-Religion breit gemacht hatte. zum anderen waren ihm dadurch gleichzeitig all seine sizilianischen Güter abhanden gekommen.

Der Papst betrachtete nämlich ganz Sizilien als kirchliches Eigentum. Auf welche Rechtsgrundlage er sich dabei stützte ist nicht belegt. Historiker vermuten, daß er sich auf Schenkungen früherer römischer Kaiser berief.

Besondere bekannt wurde die "Konstantinische Schenkung". Sie geht auf den "Umzug" von Kaiser Konstantin d. Gr. von Rom nach Konstantinopel zurück. Angeblich hat er dabei dem in Rom gebliebenen Papst große Teile Mittelitaliens und die Inseln geschenkt. So entstand der Vatikanstaat.

Obwohl kritische Köpfe schon im 15. Jahrhundert beweisen konnten, daß die Konstantinische Schenkung eine Fälschung war, wurde der Vatikanstaat erst 1871 auf die noch heute bekannten Gebiete in Rom reduziert. Der Auslöser dafür war die Bildung des italienischen Nationalstaates, die Rom als natürliche Hauptstadt sah.

Papst Nikolaus II jedenfalls wollte sein (angebliches) Eigentum unbedingt zurück. Er heuerte dazu ein normannisches Söldnerheer an. Seinem Führer, Roger Guiscard, versprach er Sizilien als Lehen, wenn es ihm gelingen würde, die Araber von Sizilien zu vertreiben und die Byzantiner nicht wieder hinein zu lassen.

Tatsächlich gelang den normannischen Söldnern beides. 1071 war Sizilien vollständig von ihnen besetzt.

 

Normannen

1071 – 1194

Fahren Sie durch Sizilien, so treffen Sie nahezu überall auf Gebäude normannischen Ursprungs. In Palermo gibt es z.B. den berühmten Palazzo dei Normanni. Er ist heute Sitz des sizilianischen Parlaments. Tatsächlich vereinigt das heutige Gebäude viele, also nicht nur normannische Stilrichtungen. Es heisst trotzdem "Normannen-Palast", da hier die normannischen Könige ihren Sitz hatten.

Auf dem Land, besonders in Küstennähe, treffen Sie häufig auf normannische Wehrtürme. So steht z.B. der besonders gut erhaltene Torre Normanna am östlichen Ortseingang von Altavilla Milicia:

Hin und wieder sehen Sie auch lebende Erinnerungen an die normannische Phase der Geschichte, nämlich hellhäutige und rothaarige Sizilianer. Sie sind keine Auswanderer aus Nordeuropa, sondern tatsächlich Nachfahren von Normannen. Auch sie kamen, wie der Name schon sagt, aus Nordeuropa. Als Normannen werden gemeinhin Völker aus Nordfrankreich und England bezeichnet, deren Vorfahren Wikinger waren.

Der vom Papst angeheuerte Roger Guiscard und sein Bruder Robert waren Söhne eines nordfranzösischen Herrschers, die kein Erbe abbekommen hatten. Sie mussten sich ihr Geld also mit Arbeit verdienen und besonders leicht fiel den beiden das Kriegshandwerk.

Sie betrieben dasselbe allerdings nicht etwa aus "Spaß". Auch wollten sie keinen Märtyrertod sterben, um in irgendein Paradies zu gelangen. Und gegen Araber hatten sie eigentlich auch nichts – im Gegenteil, wie wir noch sehen werden. Die Normannen wollten einfach nur Beute machen und Papst Nikolaus II bot ihnen eine hervorragende Möglichkeit dazu.

Mit Sizilien hatten die Normannen einen besonders großen, fruchtbaren und kulturell reichen Brocken bekommen. Hinzu kam noch die Aristokraten-Würde. Aus Roger Guiscard wurde Roger I. von Sizilien. Ab seinem Nachfolger Roger II. bekamen die normannischen Herrscher sogar den Titel "König von Sizilien".

Die Normannen waren schlau genug, weder arabische Zivilisten niederzumetzeln noch die vorgefundene Bausubstanz und Infrastruktur mutwillig zu zerstören. Im Gegenteil, sie bauten das Vorgefundene aus und engagierten dabei sogar arabische Baumeister. Das bekannteste, heute noch zu bewundernde Beispiel dafür ist La Zisa. Diese Sommerresidenz wurde vom Normannen Wilhelm I. in Auftrag gegeben. Die Technologie des Gebäudes ist arabischer Herkunft.

Die Baukunst in Sizilien blieb also stark arabisch beeinflusst, während der Kulturkreis Siziliens aber schnell wieder europäisch-christlich wurde. Die Amtssprache wechselte von Arabisch zu Latein, denn schließlich ging ja letztlich der Anstoß für die Rückeroberung vom Papst in Rom aus.

Mit dieser Rückkehr in den europäischen Kulturkreis kam auch das mittelalterliche Lehenswesen. nach Sizilien: Eigentümer des Grund und Bodens war der Papst. Er verlieh es an den Normannen-König und der wiederum hätte es normalerweise weiterverliehen. Tatsächlich aber mischten die Normannen in Landwirtschaft und Handel lieber direkt selber mit. Das machte zwar Arbeit, brachte aber auch Geld. Die sizilianischen Normannen wurden auf diese Weise zu den reichsten Normannen Europas.

Das normannische Erfolgsmodelle hatte allerdings einen entscheidenden Nachteil. Es beruhte auf der absoluten Macht der Könige und dem „Reinfunken“ selbst in lokale Angelegenheiten. Besonders Roger I und II waren regelrechte Super-Talente in dieser Hinsicht – ihre Nachfolger allerdings weniger. Ihnen entglitt ein Faden nach dem anderen und so taumelte Sizilien mehr und mehr durch die Zeitgeschichte.

Glücklicherweise fand sich 1194 mit dem Staufer Heinrich VI (einem Sohn von Friedrich I. Barbarossa) ein besserer Machthaber. Sizilien fiel jetzt also an ein schwäbisches Adelsgeschlecht, glücklicherweise ohne jedes Blutvergiessen.

Dieses lag allerdings weniger an der humanen Einstellung von Heinrich VI (er galt sogar als besonders grausam), sondern an einer geschickten Heirats-Diplomatie: Barbarossa hatte seinen Sohn Heinrich VI mit Konstanze von Sizilien verheiratet. Und die wiederum – wie die Geschichte so spielt – war eine Tochter des Normannen Rogers II.

 

Einschub: Feudalismus und Lehenswesen

Von der Antike bis 1812 gehörte der Grund und Boden Siziliens dem jeweiligen König oder Papst. Dieser teilte das Land auf und "verlieh" (daher das Wort "Lehen") die Teile an den Hochadel, typischerweise als Dank für Kriegsdienste. Das Lehen galt zumeist auf Lebenszeit, war vererbbar und konnte an den niedriggestellteren Adel weiterverliehen werden. Am unteren Ende der Kette standen die landlosen Bauern. Sie waren allerdings keine Lehensnehmer, sondern Leibeigene der Adeligen. Dieses Video gibt Ihnen einen Eindruck vom Leben der "Bauern und Edelmänner":

Die Lehensherren hatten aber nicht nur die Verfügungsgewalt über Grund und Boden, sondern auch über die Rechtsprechung im Bereich ihres Lehens. Daß es hier allerdings nicht nach rechtsstaatlichen Prinzipien zuging, kann man sich lebhaft vorstellen. "Recht" war lediglich eine Kette von Willkürakten, die sich von Lehen zu Lehen unterschieden.

1812 wurde das Lehenswesen abgeschafft. De facto änderte sich aber nur der formelle Status der Adeligen. Sie wurden von Lehensnehmern zu Eigentümern. Nach wie vor war also die sizilianische Gesellschaft durch ein kleine Schicht superreicher Landbesitzer geprägt, die über den Boden und eine Heerschar landloser Bauern verfügen konnte. Dieses änderte sich erst entscheidend durch zwei Landreformen im 20. Jahrhundert.

 

Staufer

1194 – 1266

Die Geschichte Siziliens wird stark an den Bauwerken der jeweiligen Epoche festgemacht. Kein Wunder: man kann sie sehen und anfassen. Für die Phase der Staufer gibt es auf den ersten Blick wenig bis garnichts in dieser Hinsicht. Das liegt schlicht daran, dass die Unterschiede zwischen normannischen und staufischen Baudenkmälern nur für Experten sichtbar sind. Die Staufer waren ausserdem gerade einmal gut 70 Jahre auf Sizilien. Im Alltag wird daher häufig garnicht erst zwischen Normannen und Staufern unterschieden.

Daß die Staufer trotzdem einen großen Einfluß auf die Geschichte Siziliens hatten liegt an einer herausragenden Person – Friedrich II. Seinen Sarkophag können Sie in der Kathedrale von Palermo besuchen. Als Friedrich dort seine letzte Ruhe fand war die Kathedrale gerade nagelneu. Die Normannen hatten sie kurz vor dem Ende ihrer Herrschaft neu errichtet, nachdem Sie zuvor durch ein Erdbeben schwer beschädigt worden war. Im Laufe der nachfolgenden Jahrhunderte wurde die Kathedrale immer wieder umgebaut. Sie finden daher bei Ihrem Besuch einen wilden Stilmix vor.

Friedrich II erhielt in der Kathedrale einen Ehrenplatz, weil er als das gleiche Talent wie der Normanne Roger II in die Wiege gelegt bekommen hatte – den absoluten Willen zur Macht. Er legte sich sogar offen mit dem Papst an (der sich ja als Eigentümer von Sizilien betrachtete) indem er sich zum Kaiser von Sizilien machte und behauptete, dieses Reich von Gott selbst erhalten zu haben. Daß ihn der Papst daraufhin exkommunizierte war ihm schlicht egal.

Wie also zuvor der Normanne Roger II steht der Staufer Friedrich II für eine strikte Zentralisierung. Dieses hatte allerdings nicht nur Nachteile. Er sorgte dabei auch für eine Vereinheitlichung von Maßen und eine Vereinheitlichung des Rechtssystems.

In anderen Punkten unterschied sich Friedrich II aber mehr als deutlich von seinen normannischen Vorgängern: er war ausserordentlich gebildet. Dabei war er alles andere als ein Fachidiot. Im Gegenteil, sein Interesse überspannte die gesamten Geistes- und Naturwissenschaften. Die eigenen Arbeiten widmete er seinen Lieblingstieren, den Falken. Daraus entstand das erste europäische Buch zur Falknerei.

Das folgende Video gibt einen hervorragenden und kurzweiligen Überblick über die Geschichte von Friedrich II:

Friedrich II hätte sich allerdings ein wenig mehr mit der Geschichte Siziliens befassen müssen. Vielleicht hätte er dann gesehen, daß das, was ihn stark gemacht hatte, gleichzeitig die entscheidende Schwachstelle seiner Herrschaft war – die mit harter Hand auf ihn ausgerichtete Zentralisierung der Macht. Und so kam es wie es kommen musste: Nach dem Tod Friedrichs II zerfiel fast all das, was er sich aufgebaut hatte.

Der Papst hatte natürlich genau auf diesen Augenblick gewartet, um sich Sizilien zurückzuholen. Dazu engagierte er diesesmal den Sohn des französischen Königs Ludwig VIII. – Karl von Anjou. Dieser setzte sich schnell durch und wurde zum Dank zum König von Sizilien ernannt.

 

Die Anjou und die sizilianische Vesper

1266 – 1282

Die Anjou beherrschten Sizilien noch kürzer als die Staufer. Tatsächlich begann und endete ihre Herrschaft mit Karl von Anjou. Baudenkmäle haben sie nicht hinterlassen. Die Anjou stehen aber für ein zentrales Ereignis der Geschichte Siziliens und dieses Ereignis ist auf das Engste mit einem Baudenkmal verbunden. Es ist die Chiesa dello Spirito Santo auf dem großen Friedhof Cimitero di Sant’Orsola. Selbst wenn Sie nicht so sehr an Baudenkmälern interessiert sind, lohnt sich doch auf jeden Fall ein Besuch des Friedhofs. Man ist nach dem Besuch fast geneigt von dem schönsten Stadtteil Palermos zu sprechen.

Wenn Sie bei der Chiesa dello Spirito Santo angekommen sind, stellen Sie sich eine große Gruppe von Palermitanern vor, die hier am Ostermontag dem 31.03.1282 am Gottesdienst teilnehmen möchten. Zu ihnen gesellt sich eine Gruppe französischer Soldaten. Die Besatzer waren in der Bevölkerung wegen ihrer grausamen Beutemacherei verhasst. Sie hatten sich auch die alte sizilianische Aristokratie staufischer Herkunft zum Feind gemacht: Ihnen wurden viele Ländereien weggenommen und französischen Generälen als Dank für ihren Kriegsdienst gegeben.

Am Ostermontag vor der Chiesa dello Spirito Santo war also die Stimmung von vornherein sehr gespannt. Plötzlich fing der Feldwebel Drouet an, eine Frau zu belästigen. Er müsse sie nach Waffen durchsuchen. Der Ehemann sah das allerdings ganz anders und tötete Drouet. Seine Kameraden versuchten natürlich einzugreifen, wurden aber ebenfalls von den jetzt vollends aufgebrachten Kirchgängern umgebracht.

Jetzt gab es kein Halten mehr. Ein blutiger Volksaufstand brach los. Er machte vor nichts halt, was französisch erschien – sogar Kinder und vermeintlich von Franzosen geschwängerte Sizilianerinnen wurden umgebracht. Nur an diesem einen Ostermontag kamen alleine in Palermo tausende Menschen ums Leben. Der Aufstand sprang sehr schnell auch auf benachbarte Städte wie z.B. Corleone und kurz danach auf ganz Sizilien über. Karl von Anjou unterschätzte die Geschwindigkeit und Aggressivität dieses Aufstandes völlig.

Er bedachte wahrscheinlich auch nicht, wie viele Feinde er sich unter den alten siziliansichen Aristokraten gemacht hatte. Für sie war dieser Aufstand eine einmalige Chance, ihre Ländereien wieder zu bekommen. So setzen sie sich also an die Spitze des Aufstandes, der damit sehr schnell gut organisiert war. Die Folge: Innerhalb weniger Wochen gab es auf Sizilien keine Franzosen mehr. Mit ihrem Verschwinden verlor auch der Papst seinen Einfluss auf Sizilien.

Der Aufstand ist als Sizilianische Vesper in die Geschichte nicht nur Siziliens, sondern ganz Italiens eingegangen. Er ist bis heute das Symbol für den Kampf gegen ausländische Besatzer. Tatsächlich hat die Sizilianische Vesper aber einen bitteren Beigeschmack. Da ist zum einen die extreme Gewalttätigkeit. Man würde die Vorgänge heute wahrscheinlich als ethnische Säuberung bezeichnen.

Und dann deckte die Sizilianische Vesper eine zentrale Schwachstelle Siziliens auf. Wenn ein Volksaufstand erfolgreich dem Ende entgegen geht stellt sich bekanntlich die Frage "wie weiter?". Darauf hatte die sizilianische Elite allerdings keine "hausinterne" Antwort. Kein Wunder, hatten doch gerade die Normannen und Staufer ausserordentlich zentralistisch regiert und keine lokalen Selbstverwaltungen zugelassen. Woher sollte also die Übung zum Regieren kommen?

Die sizilianische Aristokratie war es also gewohnt, sich wie eine Kompaßnadel zum jeweiligen, von Aussen kommenden Herrscher auszurichten. So fiel ihnen zum Ende der Sizilianischen Vesper tatsächlich nichts besseres ein, als einen Fremdherrscher zu bitten (!), die Herrschaft in Sizilien zu übernehmen. Die Wahl fiel auf den Spanier Peter von Aragón. Die Begründung: Er habe eine Enkelin von Friedrich II geheiratet und wäre damit ein legitimer Nachfolger der Normannen bzw. Staufer.

Auf diese Weise begann eine fast 600 Jahre währende, nur durch ein paar kurze Phasen unterbrochene spanische Herrschaft auf Sizilien.

 

Einschub: Die Flagge von Sizilien

Die sizilianische Flagge wurde das erste Mal im Zusammenhang mit der Sizilianischen Vesper genutzt. Sie verbindet die Farben der beiden wichtigsten Städte Siziliens zu dieser Zeit. Palermo war (und ist es auch heute noch) die Hauptstadt und daher besonders wichtig für Handel, Verwaltung und Aussenbeziehungen. Sie ist durch die rote Hälfte der Flagge vertreten.

Die gelbe Hälfte steht für Corleone. Warum gerade Corleone? Die Stadt steht schließlich für eine eher unrühmliche Seite Siziliens – die Mafia. Die gab‘ es aber 1282, also zur Zeit der Sizilianischen Vesper noch gar nicht. Damals war Corleone das Zentrum der sizilianischen Landwirtschaft, also des wichtigsten Wirtschaftszweigs Siziliens. Man betrachtete Corleone sozusagen als "innere Hauptstadt" und damit als Pendant zu Palermo. Kein Wunder also, daß die Sizilianische Vesper rasend schnell von Palermo auf Corleone übergriff.

Die Figur in der Mitte der Flagge ist eine Triskele, also eine symetrische, aus drei Teilen bestehende Figur. Es ist ein kulturübergreifendes Symbol, dessen ursprüngliche Bedeutung unbekannt ist. Die spezielle sizilianische Ausformung zeigt den Kopf der Medusa. Sie war die bildhübsche Tochter eines griechischen Meeresgott-Pärchens. Athene verwandelte Medusa aus Eifersucht in ein Monster mit Schlangenhaaren bei deren Anblick jeder Betrachter zu Stein erstarrte.

Um Medusa gänzlich loszuwerden, stiftete Athene Perseus an, ihr den Kopf abzuschlagen. Ihm gelang nicht nur dieses, sondern er nutzte den abgeschlagenen Kopf als Schutzschild: einmal vorzeigen und schon erstarrt der Feind zu Stein.

Auf der sizilianischen Flagge sind aus den Schlangen Ähren geworden, wohl um die landwirtschaftlichen Wurzeln Siziliens zu symbolisieren. Die Flügel am Kopf der Medusa sieht man auch in anderen Darstellungen. Vielleicht hat sie sie von Perseus "geerbt".

Aber dieses sind alles letztlich Spekulationen. Was sich die Künstler tatsächlich gedacht haben bleibt im Dunklen. Klar ist aber, daß sie der sizilianischen Flagge ein interessantes, unverwechselbares Äusseres gegeben haben.

 

Spanier (Aragón, Habsburger, Bourbonen)

1282 – 1860 (mit Unterbrechungen)

Als Tourist steht in Palermo mit Sicherheit eine ganz besondere Straßenkreuzung auf Ihrem Programm. In ihr stoßen die vier Altstadtviertel Palermos zusammen und daher heisst Sie Quattro Canti (Vier Ecken). Die Quattro Canti ist der Kreuzungspunkt der Via Toldeo (heute Corso bzw. Via Vittorio Emanuele) und Via Maqueda. Noch heute können Sie entlang dieser beiden Straßen viele Barock-Gebäude aus spanischer Zeit bewundern. Dieser sog. Sizilianische Barock ist der wesentliche spanische Beitrag zur Kultur Siziliens.

Die Quattro Canti bietet eine zusätzliche Besonderheit: Die Fassaden der Häuser an den vier Ecken wurden nicht dem Zufall überlassen, sondern aufeinander abgestimmt. Jede der vier unteren Etagen ist mit einem Brunnen geschmückt, in der mittleren Etage steht je ein in Stein gehauener spanischer König und über allem schwebt in der oberen Etage die Schutzheilige des jeweiligen Stadtteils.

Während die Barock-Gebäude also erhalten sind, hat sich seit den Zeiten der Spanier eine Sache drastisch geändert – der Verkehr. Wo einst viele Fußgänger und wenige Pferdekutschen genügend Platz fanden, treffen heute viele Fußgänger. Autos, Transporter und Busse aufeinander. Es empfiehlt sich daher die Quattro Canti ausserhalb der Hauptverkehrszeiten zu besuchen. Die ideale Zeit ist ein sonniger Sonntagmorgen.

Aus der Zeit vor und nach dem Barock gibt es keine besonderen spanischen Beiträge zur sizilianischen Kultur. Das passt zu der weit verbreiteten Meinung, die Spanier hätten Sizilien nur ausgesaugt. Wie wir aber bereits gesehen haben, lud tatsächlich die alte (vor-französische) sizilianische Aristokratie die Spanier nach der Sizilianischen Vesper als Schutzmacht ein.

Im Laufe der Zeit stellte sich dann noch heraus, daß sich die Spanier kaum in die internen Angelegenheiten der Aristokraten einmischten. Ihr nur bedingtes Interesse an Sizilien zeigten die Spanier auch, als sie ab Anfang des 15. Jahrhunderts den jeweiligen Herrscher nicht mehr "König" sondern "Vizekönig" nannten. Wie die Römer, so betrachteten offensichtlich auch die Spanier Sizilien als Provinz und militärischen Vorposten.

Mit der Schwächung des Herrschers ging eine Stärkung der Aristokraten einher. So rissen sie sich z.B. diejenigen Ressourcen, die die Normannen-Könige noch direkt verwaltet hatten, unter den Nagel. Ihnen wurde sogar erlaubt, ganze Ortschaften zu gründen. Ein bekanntes Beispiel dafür ist Piana degli Albanesi.

In "ihren" Dörfern durften die häufig ungebildeten Feudalherren u.a. auch "Recht" sprechen – bis hin zur Todesstrafe. Auch wenn man im Detail vorsichtig mit Vergleichen sein sollte, so kann man doch einen großen Bogen von hier aus bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts schlagen. Die tatsächliche Herrschaft war nur von den Aristokraten an die Mafiosi übergegangen. Auch sie sprachen "Recht" in sizilianischen Dörfern und Städten – bis hin zur Todesstrafe.

Wie gut sich die sizilianische Aristokratie mit den spanischen "Besatzern" arrangiert hatte merkte man im 19. Jahrhundert während des Risorgimento, also der Gründung des italienischen Nationalstaates, in dessem Verlauf Sizilien 1860 "befreit" wurde. Schon nach sehr kurzer Zeit wünschten sich viele Sizilianer die Spanier zurück. Letztere waren damals aber viel zu schwach für eine Rückeroberung.

Die Endphase der spanischen Herrschaft läuteten drei Unterbrechungen ein:

  • 1713 – 1720 wurde Sizilien von König Viktor Amadeus, Herzog von Savoyen-Piemont regiert. Er versuchte mit Reformen gegen die Rückständigkeit Siziliens anzugehen, war aber gegen die alte Aristokratie machtlos.
  • 1720 – 1734 versuchte dasselbe der österreichische Kaiser Karl VI. Auch er scheiterte. Zu seiner Zeit entstand allerdings die erste detaillierte moderne Sammlung von Landkarten Siziliens. Man kann sie noch heute kaufen [3].
  • 1806 – 1815 stand Sizilien unter britischer Besatzung. Die Briten kamen damit erfolgreich Napoleon zuvor. Auch ihnen fiel schnell die Rückständigkeit Siziliens ins Auge. Und sie schafften es tatsächlich einige Reformen umzusetzen. Die symbolträchtigste ist sicherlich die Abschaffung des Feudalismus 1812.
 

Einschub: Landbesitz ab dem 18. Jdh.

Bis zur Abschaffung des Feudalismus und der Durchführung verschiedener Landreformen war die Besitzverteilung in Sizilien vergleichbar mit der im restlichen Europa: Wenige aristokratische Familien besaßen einen Großteil des Landes als Lehen und viele landlose, arme Bauern bestellten deren Felder.

In Sizilien kam ab dem 18. Jahrhundert eine besondere, im Folgenden beschriebene sizilianische Spielart hinzu. Sie ist so besonders, daß sie sogar Ausgangspunkt eines weltbekannten Romans bzw. Films wurde: Der Leopard. Historiker gehen ausserdem davon aus, daß diese Besonderheit eine ebenso besondere Gesellschaftsschicht hervorgebracht hat: die Mafia.

Mit dem Geld, das die sizilianischen Aristokraten mit ihrem landwirtschaftlichen Grundbesitz machten, bauten sie große Stadt-Villen in Palermo. Zwei dieser Villen spielen im Film "Der Leopard" eine besondere Rolle – die Eingangsszene in der Villa Boscogrande und der große Ball im Palazzo Gangi-Valguarnera. In letzterem drehte Visconti die berühmte, für heutige Verhältnisse wohl etwas zu "epische" Ballszene:

Solche Bälle waren zur damaligen Zeit wirklich sehr angesagt. Sie machen verständlicherweise auch weitaus mehr Spaß, als das Managen eines Gutes. Das überließ man daher mehr und mehr Verwaltern – den sog. Gabelloti. Dies waren häufig ehemalige Bauern, die sich als Anführer von "Schutztruppen" einen Namen gemacht hatten.

Die Gabelloti pachteten die Güter und verpachteten Teile davon weiter an einzelne Bauern. Sie waren somit eine neue Schicht in der feudalen Pyramide. Sieht man einmal von den grundlegenden Problemen des Feudalismus ab, hatte diese spezielle sizilianische Konstruktion zwei entscheidende Konstruktionsfehler.

Der erste war die Kürze der Pachverträge von nur 3 bis 6 Jahren. Wer solch eine kurze Perspektive hat, kann keine nachhaltige Landwirtschaft betreiben. Er ist gezwungen, nur an seinen kurzfristigen Profit zu denken. So entwickelte sich die Landwirtschaft in Sizilien nicht weiter. Diejenige anderer Länder tat das aber sehr wohl und so sank langsam aber sicher die Konkurrenzfähigkeit sizilianischer Argarprodukte.

Der zweite Konstruktionsfehler betraf die Gabelloti selber. Mit ihnen entwickelte sich eine neue, recht wohlhabende Mittelschicht. Ein Protagonist dieser neuen Schicht ist im "Leopard" Calogero Sedara, der Bürgermeister der Sommerresidenz der Aristokraten-Familie Salina. Auf den ersten Blick hört sich das ja gar nicht schlecht an – klingt hier doch schon der Anfang vom Ende des Feudalismus an.

Die Gabelottis hatten allerdings wenig mit der in Nordeuropa gegen die Aristokratie aufbegehrenden Mittelschicht zu tun (Stichwort "Französische Revolution" oder "1848"). Sie waren intelligent aber gleichzeitig grob und ungebildet und ausschließlich auf ihren Vorteil bedacht. Und sie bildeten bald ein mächtiges Netzwerk, auf das die Aristokraten mehr und mehr angewiesen waren. Genau an dieser Stelle vermuten Historiker den Beginn der Mafia.

 

Ende des Feudalismus

1812

Eine touristische Rundtour durch Palermo führt Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit auch zum imposanten Normannen-Palast. Seine Architektur ist ein Mischmasch aus vielen Jahrhunderten sizilianischer Geschichte, darunter ist auch ein normannischer Teil. Der Namen rührt daher, daß hier die normannischen Könige ihren Sitz eingerichtet hatten. Heute ist der Normannen-Palast der Sitz des sizilianischen Parlaments.

Der erste zaghafte Schritt Richtung Demokratie wurde während der britischen Besatzung von 1806 – 1815 angestoßen. Die eigentliche Motivation für die Besatzung war es, Napoleon an einer Besetzung Siziliens zu hindern. Allerdings war der Chef der britischen Besatzungstruppen, Lord William Bentinck ein überzeugter Liberaler. Er setzte sich daher für Freihandel, religiöse Toleranz, Abschaffung von Sklaverei und Folter und natürlich für Parlamentarimus und Gewaltenteilung ein – alles also unerhörte Dinge aus sizilianischer Sicht.

Lord Bentinck war aber ein sehr hartnäckiger und durchsetzungsfähiger Mann. Ihm gelang es tatsächlich wenigstens formell Folter, private Gerichte und die außerparlamentarische Besteuerung abzuschaffen und die Gewaltenteilung einzuführen. Als dann 1816 die spanische Monarchie wieder das Ruder übernahm, blieb von diesen Reformen nicht mehr viel übrig.

Eines konnten sie allerdings nicht mehr zurückdrehen – den Feudalismus alter Prägung. Den hatte nämlich das sizilianische Parlament 1812 abgeschafft. Viele interessierte Beobachter der sizilianischen Geschichte hätten diese Entscheidung für unmöglich gehalten. Schaut man sich aber an, was "Abschaffung des Feudalismus" wirklich bedeutete, wundert die Entscheidung des sizilianischen Parlaments doch wieder nicht.

Rufen wir uns noch einmal kurz in Erinnerung, was Feudalismus auf Sizilien bedeutet: Papst Nikolaus II (1058 – 1061) hatte durch eine schlichte Urkundenfälschung Sizilien zum Eigentum des Vatikans gemacht und es als Dank für die Vertreibung der arabischen Besatzer dem Normannen Roger Guiscard und seinen Nachfolgern als Königreich "verliehen". Die wiederum verliehen Teile des Landes an die Aristokratie. Dieses Lehen vererbte sich zwar weiter, aber die Aristokraten waren letztlich nicht die Eigentümer des Landes, auf dem sie saßen.

Und genau das änderte sich 1812. Die Aristokraten wurden zu Eigentümern und der König (bzw. Vizekönig) erhielt nun Steuern statt der früheren "Leihgebühren". Faktisch hatte sich also nichts verändert: Sehr wenige besaßen weiterhin sehr viel und hunderttausende landloser Bauern lebten am Existenzminimum. Dieses änderte sich tatsächlich erst mit der Landreform nach dem zweiten Weltkrieg.

Kein Wunder also, daß nach dem britischen Abzug die spanischen Besatzer mit der formellen Abschaffung des Feudalismus kein Problem hatten. Sie hatten auch genug andere Probleme. Eine Weltmacht wie im 16. und 17. Jahrhundert war Spanien schon lange nicht mehr. Im Gegenteil – im 19. Jahrhundert erschütterten starke innere Konflikte bis hin zu Bürgerkriegen das Land.

Andere Nationalstaaten bildeten sich erst im 19. Jahrhundert. Dazu zählen Deutschland und Italien, wo dieser Vorgang bis heute "Risorgimento" (Wiedererstehung) genannt wird. Die treibende Kraft dahinter war der einzige unabhängige Teil Italiens, das Königreich Sardinien-Piemont. Die Hauptstadt des sich bildenden Nationalstaats Italien war damals Turin.

Einer der Protagonisten des Risorgimento war der Berufsrevoluzzer Giuseppe Garibaldi. Er landete am 11. Mai 1860 mit gut 1000 Freiwilligen auf Sizilien. Diese auf den ersten Blick irrsinnig erscheinende Aktion ist in die sizilianische Geschichte als "Spedizione dei Mille" eingegangen. Tatsächlich schaffte es dieser wilde Haufen die spanische Besatzung von Sizilien zu beenden.

 

Risorgimento

1860

Der Dom von Palermo ist eine der beliebtesten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Kein Wunder, handelt es sich doch um einen imposanten Bau mit bewegter Geschichte. Stehen Sie auf dem großen Platz vor dem Dom und wenden Sie ihren Kopf nach rechts, sehen Sie ein großes weisses und links daneben ein großes ockerfarbenes Gebäude. Es ist das Convitto Nazionale von Palermo:

"Convitto" bedeutet Internat und die spezielle Form des "Nationalen Internats" ist eine Errungenschaft des Risorgimentos. "Risorgimento" nennt man das "Wiederaufleben" des italienischen Nationalstaates im 19. Jahrhundert.

Die Convitti wurden in verschiedenen größeren Städten für Kinder aus der ländlichen Umgebung eingerichtet. Dieses war auch bitter nötig. 1861, also kurz nach der Befreiung von Sizilien betrug die Analphabetenquote hier 90% (zum Vergleich: in Schweden lag sie damals nur noch bei 10%).

Die Rückständigkeit Siziliens war natürlich auch den Antreibern des Risorgimento im viel weiter entwickelten Turin bekannt. Einige von ihnen hatten daher Sizilien gar nicht als Kandidaten für eine Aufnahme in das neue Italien auf dem Zettel. Giuseppe Garibaldi aber, der schon erwähnte Berufs-Revoluzzer, schaffte mit seiner "Spedizione dei Mille" einfach Tatsachen. Er wurde so zum Nationalhelden und die "Spedizione dei Mille" zu dem Symbol des Risorgimento.

Trotz der Schwäche der spanischen Besatzer verwunderte es gelinde gesagt doch, daß Garibaldis wilder Haufen von 1000 Mann die regulären Truppen einer ehemaligen Großmacht in die Knie zwingen konnte. Tatsächlich aber hatten die spanischen Truppen viele Dörfer Siziliens ohnehin nicht mehr unter Kontrolle. Es gab dort Bauern-Aufstände, die aber keineswegs patriotisch motiviert waren (die meisten Bauern hatten das Wort "Italien" noch nie gehört und Italienisch sprechen konnte keiner von ihnen), sondern aus Armut und Unterdrückung heraus entstanden.

Die Garibaldi-Truppe war daher aus spanischer Sicht zuersteinmal nur eine von vielen aufständischen Gruppen (siehe Abschnitt Brigantentum). Diese Unterschätzung von Garibaldi, dem wohl erfahrensten und geschicktesten Guerilla-Führer seiner Zeit, wurde für die Spanier fatal. Garibaldi hatte so nämlich Zeit genug, seine Truppe enorm zu vergrößern. Er versprach einfach Land als Lohn für den Eintritt in seine Truppe und löste so einen regelrechten Bauern-Krieg aus.

Den kurzen Krieg hatte Garibaldi gut unter Kontrolle, die Zeit danach aber überhaupt nicht. Die Sizilianer hatten mehr Autonomie und Gerechtigkeit erhofft aber was brachten Garibaldi und die nachrückenden Truppen und Verwaltungsbeamten aus Turin? Den Versuch einer Modernisierung nach norditalienischem Vorbild.

Das alte spanische System war also zerstört und das "neue System" wurde nicht akzeptiert. Aufstände und Landbesetzungen flammten wieder auf und in dem ganzen Chaos mischten die altbekannten bewaffneten Banden kräftig mit. Innerhalb kürzester Zeit nahmen viele Sizilianer die Piemonteser als Besatzer wahr und wünschten sich die Spanier zurück. Die Piemonteser waren im Gegenzug entsetzt über die Rückständigkeit Siziliens und wunderten sich, daß es nicht schnell "zu blühenden Landschaften" kam.

Wie die Skeptiker eines "Anschlusses" von Sizilien schon geahnt hatten, ging also das Risorgimento kräftig daneben. Als Indikator dafür, wie sehr es daneben ging, kann wieder die Analphabetenquote dienen: Sie betrug 1951 (!) auf Sizilien immer noch erschreckende 25%. Und auch heute, im Jahr 2011 ist der wirtschaftliche und kulturelle Unterschied zwischen Norditalien und Sizilien eklatant. Das ist Wasser auf die Mühlen der rechtspopulistischen Lega Nord, die schlicht so argumentiert:

"Seit über 100 Jahren wird der Großteil der Steuern von uns im Norden erwirtschaftet und von denen im Süden verbraucht. Geholfen hat es nichts. Jetzt sollen die da unten mal selber klarkommen."

Sie übesieht dabei allerdings, daß sich Sizilien in den letzten 30 Jahren ausserordentlich positiv entwickelt hat. An dieser Stelle seinen nur zwei Beispiele erwähnt:

  • 2007 wurden im 5 Mio Einwohner zählenden Sizilien ca. 70 Menschen ermordet. Davon gingen ca. 17% auf das Konto der Mafia. Im ebenfalls 5 Mio Einwohner zählenden Finnland starben dagegen über 100 Menschen eines gewaltsamen Todes [4]. Die Hauptstadt Siziliens, Palermo, ist mittlerweile sicherer als viele Großstädte Nord-Italiens.
  • Während der Tourismus in den klassichen Urlaubsgebieten Nord-Italiens leidet, wächst er in Sizilien deutlich. Dies gilt besonders in der Umgebung von Trapani, die sich zu einem Hauptstützpunkt für Billigflieger etabliert hat.

Diese und andere positive Entwicklungen benötigen natürlich sehr viel mehr Zeit als die Länge einer Legislaturperiode. Es geht hier eher um Generationen. Wie schon gesagt, waren diejenigen, die zu Beginn des Risorgimentos lebten schnell enttäuscht. Viele gaben die Hoffnung auf Besserung in der Heimat auf und wanderten aus.

 

Auswanderungswellen

vor 1914 und nach 1945

Die sizilianische Kleinstadt Cefalà Diana ist wegen des einzigen erhaltenen arabischen Badehauses in ganz Sizilien bekannt. Dieses Badehaus liegt ein wenig ausserhalb des Ortes und so kommen nur wenige Besucher direkt nach Cefalà Diana. Das ist recht schade, denn sie würden hier auf zwei ungewöhnliche Denkmale treffen. Dort, wo in anderen Ortschaften eher heroisierende "Kriegerdenkmäler" stehen, findet sich in Cefalà Diana eines, das die Schrecken des Krieges zeigt.

Das zweite Denkmal ist dem Thema Immigration gewidmet. Es zeigt eine junge Familie, die für immer ihre Heimat verläßt. Dabei ist unübersehbar, daß sie dieses keineswegs freiwillig tun:

Was das Denkmal in Cefalà Diana nicht zeigt sind die Ausmaße des Problems. Die erste Auswanderungswelle in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg trieb ca. 1,5 Mio Sizilianer insbesondere nach Nordamerika aber auch nach Südamerika und Australien. Zum Vergleich: die Einwohnerzahl Siziliens ist heute ca. 5 Mio.

Die zweite große Auswanderungswelle nach dem zweiten Weltkrieg führte etwa bis zur Mitte der 70er Jahre eine Mio. Sizilianer Richtung Nordeuropa. So verzeichnete das Einwohnermeldeamt von Cefalà Diana 1951 1191 und 1971 nur noch 863 Einwohner. Einige dieser sog. „Gastarbeiter“ zieht es im Alter wieder in die alte Heimat. Wundern Sie sich also nicht, wenn Sie hin und wieder von älteren Sizilianern auf Deutsch angesprochen werden.

Der zentrale Grund für diese Auswanderungswellen ist ein altes sizilianisches Thema: Auf der einen Seite lag das Land in den Händen weniger Aristokraten, auf der anderen Seite stand ein Heer landloser, am Existenzminimum lebender Bauern. Die im Abschnitt Risorgimento aufgezeigten Analphabetenquoten sind ein deutlicher Indikator für die Folgen.

So bitter die Auswanderung für die Betroffenen war, so hatte sie doch für die Daheimgebliebenen einige positive Effekte:

  • Der drastische Aderlass führte zu einem Arbeitskräftemangel. Der wiederum erzwang Reformen in der rückständigen Landwirtschaft.
  • Die ausgewanderten Familien-Mitglieder schickten Geld nach Hause.
  • Rückkehrer investierten ihre Erspartes unabhängig von den alten aristrokratischen Strukturen.

Ein Nachteil der Auswanderung bleibt aber immer: Es gehen zumeist die jungen und tatkräftigen Leute – also genau diejenigen, die man eigentlich zuhause bräuchte. Dieses Problem besteht in Sizilien bis heute: Eine Jugendarbeitslosigkeit von über 40% zwingt die sizilianische Jugend, ihre Heimat zu verlassen.

Eine Alternative zur Auswanderung führte zu einem früher in Sizilien weit verbreiteten Problem – den Briganten. Wie die Auswanderung, war auch das Brigantentum ein gesamteuropäisches Phänomen. Auf Sizilien war es allerdings besonders ausgeprägt und hielt sich bis kurz nach dem zweiten Weltkrieg.

 

Brigantentum

???? – 1950

Piana degli Albanesi ist eine sehr interessante Stadt ca. 15km südlich von Palermo. Wie der Name schon andeutet, haben sich hier vor ca. 500 Jahren Auswanderer aus dem Balkangebiet angesiedelt. Wie man sieht war Sizilien also sogar einmal Einwanderungsland. Das interessante dabei: Die Kultur der Einwanderer hat sich zum Teil erhalten und so finden Sie in Piana degli Albanesi eine interessante Mischung italienischer, sizilianischer und albanischer Kultur. Piana degli Albanesi ist also ein sehr schönes Beispiel dafür, daß verschiedene Kulturen unter einem Dach leben können – wenn nur alle wollen:

Auf dem Weg nach Piana degli Albanesi treffen Sie ca. 3km vor den Toren der Stadt auf einen großen Parkplatz, der hier scheinbar völlig unmotiviert in die Landschaft gegossen wurde. Wenn Sie hier halten und Ihren Blick Richtung Norden wenden, werden Sie schnell merken, daß Sie sich an einem ganz besonderen Ort befinden – der Portella delle Ginestre ("Tor der Ginster").

Am 1. Mai 1947 fand hier eine friedliche Kundgebung statt, bei der es einmal mehr um das alte, auch 1947 noch ungelöste sizilianische Grundproblem der vielen landlosen, am Existenzminimum lebenden Bauern ging. Was die Kundgebungsteilnehmer nicht wussten: Auf dem Hügel, auf den Sie gerade blicken, hatte sich Salvatore Giuliano mit seiner Bande versteckt. Sie schossen wahllos in die Menge und töteten 11 Demonstranten – unter ihnen auch Frauen und Kinder. Dieses Bild zeigt einen Teil des Mahnmals der Portella delle Ginestre:

Salvatore Giuliano war der letzte Briganten-Führer Siziliens. Er war eine besonders schillernde Figur, da er sich als Robin Hood von Sizilien gerierte und es geschickt verstand mit den Medien zu spielen. So geschickt, daß sogar ein Film über ihn gedreht wurde ("Der Sizilianer"). Wie das Massaker an der Porta della Ginestra zeigt, war er unter dem Strich aber schlicht ein Schwerverbrecher.

Wer und was hinter dem Massaker steckt ist bis heute nicht geklärt. Klar ist allerdings, daß das Brigantentum am 05.07.1950 mit dem gewaltsamen Tod von Salvatore Giulianos endete.

Der erste offizielle Bericht über Briganten stammt von der spanischen Administration. Wahrscheinlich gab es das Phänomen aber schon lange. Einer Theorie zufolge liegt sein Ursprung bei den rauhen Bergbewohner, die im schwer zugänglichen Landesinneren nach ihren eigenen Regel lebten.

Ein anderes, vielleicht naheliegenderes Motive für die Gründung krimineller Banden war schlicht die Armut. Gegen die Repressionen von Großgrundbesitzern können sich landlose Bauern natürlich nur gemeinsam wehren.

Daß diese ursprüngliche Selbstverteidigung in kriminelles Handeln umschlagen kann liegt auf der Hand. Wie man am Massaker an der Porta della Ginestra sieht, sind die Opfer dann häufig gerade wieder die Ärmsten. Und tatsächlich gab es mit der "Weiterentwicklung" des Brigantentums auch Banden im Dienst der Großgrundbesitzer.

Trotz ihrer Untaten war die Bande von Salvatore Giuliano im Vergleich zu denjenigen in der Hochzeit des Brigantentums ein Kindergarten. Einige von Ihnen waren zu dieser Zeit regelrecht paramilitärisch organisiert. Man berichtet im 16. Jhd. sogar von einem Marsch auf Palermo. Das Problem war derart groß, daß selbst die wichtige Landverbindung zwischen Messina und Palermo zu unsicher war und man Transporte auf das Schiff verlagerte.

Eine der wesentlichen Aufgaben des italienischen Militärs in der Anfangszeit des Risorgimento war die Bekämpfung der Banden. Da man Sizilien jetzt als Teil des jungen italienischen Nationalstaates (und nicht wie zuvor die Spanier nur als Provinz oder Kolonie) betrachtete, war die Motivation gegen die Banden vorzugehen ungleich höher und entsprechend erfolgreich.

Die Bande des Salvatore Giuliano war also nur noch ein letztes kurzes Aufflackern eines Phänomens, dessen Abstieg schon im 19. Jahrhundert begonnen hatte. Tatsächlich fiel dann auch im Verlauf des 20. Jahrhunderts einer der angenommenen Gründe für das Brigantentum weg – die große Armut. Zum einen nahmen die großen Auswanderungswellen enorm Druck aus dem Kessel und zum zweiten begann nur wenige Jahre nach dem Massaker der Giuliano-Bande eine echte Landreform.

 

Landreform

1940 und 1950 – 1958

Fahren Sie heute durch das Landesinnere von Sizilien sehen Sie recht viele kleine Ackerflächen, Wiesen und Höfe. Auf eine mehr als 2000 Jahre währende Latifundien-Wirtschaft deutet jedenfalls nichts mehr hin.

Ein Blick in die Statistik bestätigt diesen Eindruck [5]: Im Jahr 2000 gab es in Sizilien die enorme Zahl von gut 300.000 landwirtschaftlichen Betrieben. Davon war knapp die Hälfte nicht größer als 1ha, knapp 20% hatten eine Größe von 1 bis 2ha und weitere 20% bearbeiteten ein Fläche zwischen 2 und 5ha. Lediglich 1% der Betriebe wiesen eine Fläche von über 50ha auf. Zum Vergleich: Im Agrarland Niedersachsen bewirtschafteten 1996 25% der Betriebe mehr als 50ha.

Kommen Sie bei Ihrer Fahrt durch Dörfer und Städte treffen Sie auf der Piazza häufig auf "fliegende Händler", die Obst oder Gemüse der Saison zu sehr günstigen Preisen anbieten. Tatsächlich sind dieses zumeist gar keine Händler, sondern Kleinbauern, die ihre Produkte direkt vermarkten. Daher rühren die Beschränkung auf saisonales Gemüse und die niedrigen Preise.

Diese kleinteilige Struktur der sizilianischen Landwirtschaft ist eine Folge von inkonsequent durchgeführten Landreformen. Einen ersten Anlauf machte Mussolini. Dabei hatte auch er zu Beginn auf die Großgrundbesitzer gesetzt, sie aber gleichzeitig auch zur Modernisierung der Landwirtschaft aufgerufen. Mussolinis Motiv: Die Kornkammer Sizilien musste effizienter werden um Italien unabhängiger von Importen zu machen.

Tatsächlich scheiterten Mussolinis Reformversuche – wie zuvor schon alle anderen. Genervt von der Unbeweglichkeit der Großgrundbesitzer drehte er seine Politik um 180 Grad. Er rief 1937 den "assalto al latifondo", als den "Sturm auf die Großgrundbesitzer" aus und gründete eigens dafür eine Gesellschaft namens ECLS (Ente di Colonizzazione del Latifondo Siciliano).

Das Vorhaben begann 1940 mit der Enteignung von Brachflächen, um dort landlose Bauern anzusiedeln. Diese Maßnahmen kamen allerdings zu spät um nachhaltig zu wirken. Schon 1943 besetzten US-Truppen Sizilien und unterbrachen damit den "Sturm auf die Großgrundbesitzer".

Tatsächlich hatte der Sturm aber nur eine Pause eingelegt. Nachdem sich der Pulverdampf des zweiten Weltkriegs gelegt hatte, wurden die Landreformen im nun demokratischen Italien weitergeführt. 1950 bekam Sizilien dafür die "Ente per la Riforma Agraria in Sicilia – ERAS". Das Gesetz dahinter war das "Legge Milazzo". Die grundlegenden Regeln dieses Gesetzes waren sehr einfach zu verstehen: Die Enteignung unbearbeiten Landes wurde fortgesetzt, als maximale Größe zusammenhängenden Landes waren nur noch 200ha erlaubt. Das Projekt wurde u.a. mit Hilfe des Marshall-Plans finanziert.

Ein Gesetz ist schnell geschrieben. Die Umsetzung, insbesondere wenn es eine über 2000 Jahre alte, tief verwurzelte Kultur verändern soll ist aber natürlich eine andere Geschichte. Dies gilt besonders bei Gesetzen mit Lücken wie Scheunentore. So liess sich z.B. die 200ha Grenze leicht unterlaufen: Man verteilte das Land einfach auf die Verwandschaft. So gab es also formell kein Eigentum über 200ha, aber größere Landflächen blieben de facto im Besitz der alten aristokratischen Familien. Die oben beschriebene hohe Anzahl sehr kleiner Höfe ist also kein Wunder. Viele landlose Bauern hatten sich mehr erwartet. Enttäuscht kehrten sie in einer zweiten großen Auswanderungswelle ihrer Heimat den Rücken.

Sizilien bietet aber noch eine besondere Organisationsform für landwirtschaftliche Betriebe – die Genossenschaft. Die mit Abstand bekanntesten sind diejenigen unter dem Dach der Organisation Libera Terra. Der Grund für diese Bekanntheit: Libera Terra bewirtschaft von der Mafia enteignetes Land.

 

Mafia

1865 – heute

Corleone ist eine Kleinstadt im Landesinneren von Sizilien. Wenn Sie diese Stadt besuchen ohne je etwas über ihre Geschichte gehört zu haben, werden Sie wahrscheinlich positiv überrascht sein. Es ist hier ruhig, sauber und friedlich. Auffällig sind lediglich die erstaunlich vielen Touristen. Was suchen die alle hier? Corleone ist doch nur eine unscheinbare Kleinstadt! Nicht ganz.

Corleone ist auch der Name der Mafia-Familie im Roman und Film Der Pate – und das ist leider kein Zufall. In der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg galt Corleone als eine der gefährlichsten Städte der Welt. Die hier ansässigen Mafia-Familien zeichneten sich durch eine besondere Brutalität aus und rissen den traditionell dominierenden Mafia-Familien aus Palermo die Macht aus den Händen.

Wie wir im Abschnitt Brigantentum gesehen haben, war die Bandenkriminalität in Sizilien immer schon ausgeprägt und facettenreich. 1865 wurde dieses Problem erstmals in einem Bericht des damaligen Präfekten von Palermo mit dem Wort "Mafia" beschrieben. Ihm war aufgefallen, daß diese neue Form der organisierten Kriminalität die Elite der Dörfer und Städte rund um Palermo infiltriert hatte. Aus Wegelagerern wurden so "Ehrenmänner". Und tatsächlich waren die Mitglieder der sizilianischen Mafia ernsthaft beleidigt, wenn man sie als "Kriminelle" bezeichnete.

Giovanni Falcone, der wohl weltweit bekannteste Mafia-Jäger wusste dieses genau. Er behandelte die Mafiosi in seinen Verhören daher mit Respekt und bekam so Zugang zu ihnen. Dieses war einer der Bausteine seines Erfolges. Giovanni Falcone drückte das so aus [6]:

"Ehrenmänner sind weder Teufel noch Wahnsinnige. Es stimmt nicht, dass sie für ein Gramm Kokain ihren Vater oder ihre Mutter umbringen würden. Sie sind Menschen wie wir… Wir müssen anerkennen, dass sie uns ähnlich sind."

Gewalt war für die Mafia (abgesehen von wenigen Ausnahmen) kein sadistischer Selbstzweck, sondern schlicht ein Mittel zum Machterhalt oder auch Rache. Beide Motive haben in der Menschkeitsgeschichte eine lange Tradition und werden auch heute noch häufig als "normal" und nicht als "kriminell" bewertet (Auge um Auge…).

Die Erkenntnis, daß Gewalt und Rache am Ende alle zu Verlierern macht (siehe Der Pate) ist eher neueren Datums und global gesehen nach wie vor nicht sehr weit verbreitet. Eine wichtige Voraussetzung um z.B. auf Rache zu verzichten ist ein grundlegendes Vertrauen in die Justiz des Staates, in dem man lebt.

Genau hier sind wir bei einem der Gründe für die Stärke des Brigantentum und der Mafia auf Sizilien. Die Rechtssprechung der wechselnden Besatzer war wirr, langsam und parteiisch. Zusätzlich gab es lokal sehr unterschiedliche Auffassungen von "Recht", denn hier wurde es ja durch die häufig nicht gerade mit einer tiefgründigen Bildung gesegneten Großgrundbesitzern gesprochen. Wie dieses "Recht" aussah, mag man sich nicht wirklich vorstellen.

Die Folge von all dem war natürlich ein völliges Misstrauen in die offizielle Legislative und Exekutive. Das führte zu Selbstjustiz und auch zum Widerstand als Prinzip. Lokale Beziehungen und Eigeninteressen gingen also immer vor Gemeinwohl.

Selbstverständlich gelten diese Zusammenhänge überall auf der Welt. Sizilien hatte nur das Pech einen klingenden Namen dafür geliefert zu haben und bis ins Medienzeitalter von diesem Phänomen betroffen zu sein. Mittlerweile heissen ja schon Computerspiele "Mafia" – und quasi jeder denkt dabei an Sizilien.

Corleone hat mittlerweile aus der Not eine Tugend gemacht. Da man das Mafia-Image ohnehin nicht mehr los wird spielt man damit. Und das mit Erfolg wie die vielen Touristen beweisen. Für sie ist der Hauptanziehungspunkt das Antimafia-Museum.

 

Antimafia

1865 – heute

Wenn Sie den sehr schönen englischen Garten in Palermo besuchen, lohnt es sich einmal in der Via Notarbartolo vorbeizuschauen. Bei Hausnummer 23 stehen Sie plötzlich vor einem seltsam geschmückte Baum. Neben der italienischen Flagge heften ihm hunderte Briefe, Fotos und Poster an. Auf einem Tuch sind zwei Männer und die Unterschrift "Non li avete uccisi: le loro idee camminano sulle nostre gambe" abgebildet. Frei übersetzt: "Sie haben sie garnicht getötet: Ihre Ideen leben in uns weiter":

Wer das erste Mal in Sizilien ist wird sich zurecht fragen, was das alles soll. Wer hat hier wen getötet und um welche Ideen geht es dabei? Die beiden abgebildeten Herren sind die Richter Paolo Borsellino und Giovanni Falcone. Ihre Ideen: Ein demokratisches, rechtsstaatliches Sizilien in einem nicht mehr in Nord und Süd gespaltenen Italien (s.a. Risorgimento). Eines der größten Hindernisse zur Erreichung dieses Ziels war die Mafia.

Selbstverständlich gab es immer schon Versuche, gegen die Mafia in Sizilien vorzugehen aber letztendlich scheiterten alle Besatzer. Das galt auch für die von Garibaldi angeführten Truppen des Risorgimento, die zuerst als Befreier, dann aber schnell ebenfalls als Besatzer wahrgenommen wurden. Erst unter Mussolini zeitigte der Kampf gegen die Mafia erste Erfolge. Hier wurde aber natürlich der Teufel mit dem Belzebub ausgetrieben. Der Erfolg war also nur von kurzer Dauer. Mit dem Ende Mussolinis gewann die Mafia schnell wieder an Boden und wurde stärker denn je.

Ein nachhaltiger Erfolg stellte sich erst ein, als sich Sizilianer entschlossen, den Kampf gegen die Mafia mit rechtsstaatlichen Mitteln aufzunehmen. Paolo Borsellino und Giovanni Falcone wurden dabei besonders bekannt. Sie konnten 1986 über 400 Mafiosi auf einen Schlag vor Gericht stellen. Die Akten dieses sog. "Maxi-Prozesses" sind heute im Antimafia-Museum in Corleone ausgestellt:

Einer der wesentlichen Gründe für den Erfolg waren neue, von Giovanni Falcone eingeführte Ermittlungsmethoden. Mit ihrer Hilfe gelang es das erste Mal, die innere Struktur der hierarchisch organisierten sizilianischen Mafia aufzudecken. Ein zweiter wichtiger Punkt war die Öffentlichkeitsarbeit von Falcone. Er brach das Gesetz des Schweigens und sagte laut, daß es die Mafia gibt. Damals war das lebensgefährlich, heute ist es Thema von Talkshows.

Ein noch deutlich stärkerer Tabubruch waren Falcones Beschreibungen der engen Verflechtung von Staat und Mafia. Damals war diese Botschaft skandalös, heute ist sie eine Binsenweisheit. Tatsächlich hatte ja der Präfekt von Palermo genau das schon 1865 in seinem Bericht als Kennzeichen dieser Form der organisierten Kriminalität beschrieben und als erster mit dem Wort "Mafia" bezeichnet.

Am Ende ist aber natürlich nichts so erfolgreich wie der Erfolg. Und den hatten Paolo Borsellino und Giovanni Falcone ganz enorm. Damit machten sie den Bürgern Mut, daß der Albtraum Mafia ein Ende finden würde – und sich selber zu Todfeinden derselben. 1992 fielen beide nur wenige Monate nacheinander Bombenattentaten zum Opfer.

Die Folge dieser Attentate war aber ganz anders, als sich das die Mafia gedacht hatte. Aus dem Mut nämlich, den die beiden Richter vielen Bürgern gemacht hatten, wurde nun eine zuvor für unmöglich gehaltene Wut.

Das folgende, aus historischen Szenen zusammengestellte Video transportiert diese Wut auf beklemmende Weise. Es zeigt im ersten Teil die Via Mariano D’Amelio in Palermo direkt nach dem Attentat auf Paolo Borsellino und seine Eskorte.

Der zweite Teil befaßt sich mit der Trauerfeier vor und im Dom von Palermo. Hier hatte sich eine riesige wütende Menschenmenge angesammelt. Die Polizei hatte Mühe, die ebenfalls anwesenden Politiker zu schützen. Die Demonstranten warfen ihnen Scheinheiligkeit vor – steckten doch viele von ihnen mit der Mafia unter einer Decke:

Dieses "jetzt erst recht" trieb auch die Nachfolger von Borsellino und Falcone an. Das Resultat: sie waren noch erfolgreicher als ihre Vorgänger.

Ihre Pionierarbeit und ihr dramatisches Ende hat Paolo Borsellino und Giovanni Falcone zu den Symbolfiguren des Kampfes gegen die Mafia gemacht. Genau dieses drückt der Baum in der Via Notarbartolo aus. Er steht vor dem Eingang des Hauses, in dem Giovanni Falcone eine Wohnung besaß.

Welche Symbolkraft dieser Albero di Falcone hat, zeigte sich 2010, als viele der Briefe, Fotos und Poster mutwillig von dem Baum abgerissen wurden. Dieser Vorgang wurde zu einem zentralen Punkt in den Hauptnachrichten in ganz Italien. Wie sich später herausstellte, hatten nicht etwa versprengte Mafiosi, sondern eine geistig verwirrte Dame die Briefe abgerissen.

Die sizilianische Mafia alten Schlages hat mittlerweile ihre Köpfe verloren. Auf lokaler Ebene ist sie aber nach wie vor aktiv. So zahlt die Mehrzahl der Gewerbetreibenden Siziliens immer noch Schutzgeld. Auch das Abgreifen von Subventionen und anderen öffentlichen Geldern ist auf Sizilien nach wie vor verbreitet. Man nennt die Organisationsform dahinter auch Weisse Mafia.

Nicht zuletzt in Zeiten verschiedenster Finanzkrisen, Subventionsbetrügereien und Internet-Kriminalität ist es verständlich, wenn man die Existenz einer "Weissen Mafia" nicht nur auf Sizlien beschränken mag. Daß aber in Palermo immer noch 80% aller Geschäfte Schutzgeld zahlen ist schlicht ein "no go" für die Zukunft der Stadt und damit Siziliens.

 

Einschub: Warum einige Subventionen mehr schaden als helfen

Seit dem Beginn des modernen italienische Nationalstaats 1861 versucht Rom den deutlichen ökonomischen Unterschied zwischen dem reichen, modernen Norden und dem armen, rückständigen Süden auszugleichen. Mittlerweile bietet auch die EU Fonds zur Förderung armer Regionen. Sizilien ist ein sog. "Ziel-1-Gebiet". Hier ist das Bruttoinlandsprodukt niedriger als 75% des EU-Durchschnitts.

Ziel-1-Gebiete können gleich auf mehrere Fonds der EU zurückgreifen. Alleine der "Europäische Fonds zur Regionalen Entwicklung" (es gibt noch weitere!) überweist für den Zeitraum von 2007 bis 2013 ca. 6,5 Mrd. EUR nach Sizilien. Davon tragen Rom und Brüssel je die Hälfte. Die EU erwartet sich von diesem Operationellen Programm Sizilien:

  • Anstieg des jährlichen BIP-Wachstums auf 2 % (von derzeit 1,5 %),
  • Schaffung von 15 000 Arbeitsplätzen,
  • Verringerung der Treibhausgasemissionen (um 0,5 % der Gesamtemissionen oder 250 000 Tonnen CO2 im Programmzeitraum).

Klingt doch gut! Schauen wir uns aber mal ein paar durch die Associazione per lo sviluppo dell’industria nel Mezzogiorno gesammelten Resultate an:

  • Bruttoinlandsprodukt pro Nase 2006: 14.040 EUR
  • Bruttoinlandsprodukt pro Nase 2010: 13.786 EUR
  • Arbeitslosenquote 2006: 13,5%
  • Arbeitslosenquote 2010: 14,7%

Sie mögen einwenden es habe ja auch ein Krise gegeben und Berlusconi sei auch nicht gerade förderlich etc. Ok, dann hier eine andere Zahl: 2006 (also vor der Krise) betrugen die Direktinvestitionen ausländischer Firmen in Sizilien gut 30 Mio EUR. Nein, das ist weder ein Scherz noch ein Tippfehler. Um es anders auszudrücken: Von den Direktinvestitionen ausländischer Firmen in Italien (ca. 60 Mio Einwohner) hat Sizilien (ca. 5 Mio Einwohner) gerade einmal 0,02% abbekommen. Und das nach 150 Jahren Förderung.

Einer der Gründe für diesen Misserfolg findet man, wenn man nach den Gewinnern des Subventionsspiels fragt. Das sind nämlich überwiegend diejenigen, die mit Hilfe sehr guter politischer Kontakte die Gelder aus Rom und Brüssel in öffentliche Projekte lenken. Hört sich gut an? Keineswegs – die selben Herrschaften verdienen nämlich über ihre Baufirmen selber hervorragend daran. Die Qualität und Nachhaltigkeit dieser Projekte interessiert sie dagegen weniger. Haben Sie bei Ihrer Fahrt durch Sizilien nicht auch schon Brücken gesehen, die keinen Anschluss haben?

Gewinner des Subventionsspiels sind übrigens auch einige Geber. Was sie gewinnen? Wählerstimmen! Der Verlierer dieses Spiels ist der europäische und insbesondere der norditalienische Steuerzahler. Letzterer ist aber auch ein italienischer Wähler und läuft mittlerweile in Scharen zur fremdenfeindlichen und sezessionistischen Lega Nord über. Kernargument: siehe oben.

Die provoankte These ist also: Erst wenn Rom und Brüssel die Subventionen langsam und geplant zurückfahren hat Sizilien eine Chance, das Ziel-1-Gebiet zu verlassen. Sizilien müsste sich dann, wie alle anderen Länder und Regionen auch, Geld für Investitionen auf dem Kapitalmarkt besorgen.

Warum das besser funktioniert beschreibt die sambische Ökonomin Dambisa Moyo in ihrem provokanten Buch "Dead Aid" [7]. Selbstverständlich hat Sizilien im Vergleich zu Afrika nur ein "Problemchen". Die grundlegenden Mechanismen von Entwicklung sind aber unabhängig von der Dimension des Problems.

 

Zukunft

Stellen Sie sich vor, Sie wären glücklich dem grauen Winter Nordeuropas entflohen und liessen es sich unter der milden sizilianischen Sonne gut gehen. Ihr Urlaub geht nun leider dem Ende entgegen und Sie überlegen, was Sie wohl anstellen könnten, um auf Sizilien zu bleiben. Angesichts der Drohung des nordeuropäischen Winters kommen einem dann schon komische Ideen. Wie wäre es z.B. mit der Eröffnung einer Wurstbude? Direkt am Meer! Wollten Sie sich nicht immer schon selbstständig machen?

Sehr viel ernster ist die Lage für junge engagierte Sizilianer. Auch sie müssen häufig genug den grauen nordeuropäischen Winter ertragen. Eine Jugendarbeitslosigkeit von 40% treibt sie in die Immigration. Besonders den engagierten unter ihnen kommt natürlich die Idee ein Geschäft zu eröffnen, um sich so selber einen Arbeitsplatz aufzubauen. So erging es auch 2004 einigen jungen Leuten, die eine Kneipe aufmachen wollten. Mitten in den Planungen dafür fragten sie sich dann aber plötzlich: "Und wenn sie von uns Pizzo verlangen?".

Hier ist keineswegs gefragt, ob man auch "PizzA" anbieten soll oder nur Getränke. Leider sind "sie" in diesem Fall die Mafia und "PizzO" ist das Schutzgeld. Unsere jungen Leute waren von dieser, diplomatisch ausgedrückt "demotivierenden Situation" derart genervt, das sie sich entschlossen zu handeln. Sie fingen an, ganz Palermo mit kleinen Zetteln zu bekleben auf denen stand: "Ein ganzes Volk, das Schutzgeld bezahlt, ist ein Volk ohne Würde".

Das saß! Sofort richteten sämtliche italienischen TV-Kanäle ihre Kameras Richtung Palermo aus. Immer mehr junge Leute schlossen sich der Bewegung an und gründeten die Initiative Addiopizzo, also "Tschüß Schutzgeld". Mittlerweile sind weit über 400 Geschäfte Mitglied der Organisation. Parallel dazu hat sich mit LiberoFuturo ("Freie Zukunft") eine Organisation gegründet, die insbesondere alteingesessenen mittelständischen Unternehmen hilft, aus der z.T. schon seit Generationen bestehenden Abhängigkeit von der Mafia zu lösen.

Addiopizzo, LiberoFuturo und die hinter ihnen stehenden staatlichen Stellen haben den Schlüssel für die Zukunft Siziliens in der Hand. Sie machen jungen, engagierten Leuten Mut zur Selbstständigkeit und halten sie so in Sizilien. Alteingesessenen Firmen machen sie Mut nicht nur in Sizilien zu bleiben, sondern hier weiter zu investieren.

Einer der Bereiche, in denen tatsächlich investiert wird ist die Bio-Landwirtschaft. Besonders symbolträchtig für die Zukunft Siziliens ist dabei die Bewirtschaftung von konfisziertem Mafia-Land. Dieses wird für gewöhnlich durch gemeinnützige Genossenschaften bewirtschaftet. Sie vermarkten ihre Produkte unter der mittlerweile in ganz Italien bekannten Marke "Libera Terra". Damit ist es immer mehr Läden möglich, ausschließlich mafia-freie Produkte anzubieten. Auf diese Weise entsteht in Sizilien ein Netzwerk von Firmen mit vollständig mafia-freien Lieferketten.

Ein anderer zukunftsträchtiger Wirtschaftszweig für Sizilien ist der Tourismus. Heute schon ist Sizilien ein Anziehungspunkt für ca. 3 Mio einheimische und 2 Mio. ausländische Besucher. Sie konzentrieren sich allerdings auf den Sommer. Kein Wunder, Sizilien garantiert dann Sonne pur.

Um diesen wichtigen Wirtschaftszweig unabhängiger vom sommerlichen Massentourismus zu machen, beginnt man auf Sizilien die Voraussetzungen für den Ausbau des Individual-Tourismus zu schaffen. Die deutlichsten Zeichen dafür sind die vielen neuen Naturreservate. Wie das Beispiel Pizzo Cane zeigt, entstehen sie sogar in unmittelbarer Nähe zur Großstadt Palermo. Gerade diese küstennahen Reservate könnten sogar Anziehungspunkt für einen Winter-Urlaub auf Sizilien sein. Warum, zeigen diese Aufnahmen aus dem Januar 2011:

Die Nähe von Naturreservaten zu Palermo ist wichtig, da Individual-Touristen zumeist auch an der Kultur des Gastlandes interessiert sind. Deren ganze Bandbreite bietet aber für gewöhnlich nur eine Großstadt. In Palermo reicht sie von steinzeitlicher Graffiti über römische Mosaiken und frivol-barocken Brunnen bis hin zur zeitgenössischen Kunst. Wenig bekannt ist auch, daß Palermo eine der Jazz-Metropolen Italiens ist:

Bio-Landwirtschaft und nachhaltiger Tourismus sind sicher nur zwei wirtschaftliche Bereiche, die für die Zukunft Siziliens wichtig sind. Entscheidend für ihren Erfolg ist ein gesellschaftliches und politisches Klima, welches zu Investitionen einlädt. Dazu muss sich Sizilien nicht nur von den Resten der Mafia, sondern auch von der enormen Abhängigkeit des süßen Gifts der Subventionen befreien. Es ist nicht nur unwürdig Schutzgeld zu zahlen, sondern auch über Generationen hinweg auf die Almosen reicher Regionen angewiesen zu sein.

Prognosen sind bekanntlich schwierig. Vor allen Dingen wenn es dabei um die Zukunft geht. Wer hätte schon den Mauerfall 1989 vorhergesehen. Gedankenspiele über die Zukunft müssen aber erlaubt sein und optimistisch dürfen sie auch ruhig sein. Der eine Grund optimistisch zu sein, sind die oben aufgezeigten Entwicklungen in Sizilien selber.

Der zweite Grund kommt aus weiter südlichen Regionen: Gehen wir einmal davon aus, daß der "Arabische Frühling" mittelfristig in eine Demokratisierung und langfristig in eine EU-Mitgliedschaft Nordafrikas übergeht. Dann wäre Sizilien, wie zu Zeiten Friedrichs II, wieder der Mittelpunkt des Mittelmeers und eine Schnittstelle zwischen Orient und Okzident. Einer neuen Blütezeit Siziliens stünde damit also nichts mehr im Wege.

 

Literatur

[1] Geschichte Siziliens und der Sizilianer. Moses I. Finley, Denis Mack Smith, Christopher Duggan. München: C.H.Beck, 2006
[2] Geschichte Siziliens – Von der Antike bis heute. Thomas Dittelbach. München: C.H.Beck, 2010
[3] La Sicilia disegnata. La carta di Samuel von Schmettau (1720 – 1721). L. Dufour. Palermo: Ed. Società Storia Patria, 1995
[4] Eurostat – Crime and Criminal Justice Cynthia Tavares, Geoffrey Thomas, 2009
[5] Il sistema agricolo nelle aree rurali della Sicilia. Sebastiano Zappulla, Mario D’Amico. Catania: Osservatorio sul Sistema dell’Economia AgroAlimentare della Sicilia, 2004
[6] Die Richter: Der Tod, die Mafia und die italienische Republik. Alexander Stille. München: C.H.Beck, 1997
[7] Dead Aid: Warum Entwicklungshilfe nicht funktioniert und was Afrika besser machen kann. Dambisa Moyo. Berlin, Hamburg: Haffmans & Tolkemitt, 2011

 

 

 

1 Kommentar

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  1. NiNaNi

    eine hervorragende und sorgfältige und gleichzeitig liebevolle Analyse der sizilianischen sozioökonomischen Situation! Danke

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