Emanuele Notarbartolo

Aristokrat, Reformer und Mafia-Opfer

Adel verpflichtet! OK – aber wozu? Wozu sich die sizilianische Aristokratie verpflichtet fühlte, zeigt sehr schön der Film "Der Leopard": nämlich gut zu tanzen! Das Management der Güter überließ man derweil zwielichtigen Verwaltern und bereitete so der Mafia den Boden.

Die Folge: während sich Europa im 19. Jahrhundert enorm modernisierte, erstarrte in Sizilien sogar die Landwirtschaft in einer erschreckenden Rückständigkeit. Eine Industrialisierung fand gar nicht erst statt. Die Analfabetenquote lag 1860 bei 90%. Eine der wenigen Ausnahmen vom Versagen der sizilianischen Aristokratie war Emanuele Notarbartolo. Wie er sich für sein Sizilien einsetzte und warum er gerade dafür ermordet wurde, erzählt dieser Artikel.

Veröffentlicht am:  18. Februar 2012

Letzte Änderung:  21. Oktober 2012

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Eine Reise zu den Wirkungsstätten von Emanuele Notarbartolo

Emanuele Notarbartolo war zu seiner Zeit eine große Ausnahme in Sizilien. Sein Einsatz für rechtsstaatliche Verhältnisse brachte ihm kaum Freunde, viele Feinde und letztendlich den Tod. Heute dagegen, ist Sizilien nicht nur ein Rechtsstaat, sondern auch eines der sichersten Reiseländer der Welt. Dieses gilt insbesondere auch für die Hauptstadt Palermo.

Dorthin führt euch dieser Artikel, denn einige Wirkungs­stätten von Emanuele Notarbartolo in Palermo und Umgebung sind erhalten und haben sich bis heute kaum verändert.

Das Lesen über Geschichte ist eine Sache, aber Geschichte versteht man am besten vor Ort – wenn man vorbereitet ist. Daher beschreiben die folgenden Abschnitte nicht nur, was Notarbartolo gemacht und bewegt hat, sondern auch wie man die heute noch existierenden Schauplätze findet.

Ausgangpunkt aller Wegbeschreibungen ist die Sprachschule Solemar Sicilia in der Nähe von Palermo. Die Gründe hierfür sind ihre Lage, die Vielzahl von Unterkünften, gemeinsame Aktivitäten wie z.B. Einführungen in die sizilianische Küche und nicht zuletzt die sizilianisch-deutsche Leitung der Schule. Mehr dazu bieten diese drei Webseiten:

Eine Reise nach Sizilien beginnt zumeist mit einem Flug. In diesem Fall landen Sie auf einem dieser drei Flughäfen:

Zur Anfahrt von diesen Flughäfen bieten sich ein Mietwagen oder eine Kombination aus Bus und Zug. Mit den Bussen geht es von den Flughäfen zum Hauptbahnhof Palermo und von dort aus bringt Sie die Trenitalia zu den Ferienwohnungen von Solemar Sicilia.

Allen, die die Anfahrt mit einem Mietwagen vorziehen, hilft dieser Routenplaner für Sizilien bei der Orientierung. Er bietet zusätzlich Wegbeschreibungen zu einer großen Zahl von Ausflugszielen.

 

Die Geschichte der Familie Notarbartolo

Die Familie Notarbartolo hat in der langen Geschichte Siziliens eine breite Spur hinterlassen. Die ersten schriftlichen Erwähnungen gehen auf das Ende des 13. Jahrhunderts zurück. In ihnen machte König Friedrich III von Sizilien den aus Florenz stammenden Pietro Notarbartolo zu seinem Sekretär.

Diese Dokumente erwähnen auch, daß Vorfahren von Pietro Notarbartolo aus Andernach bei Konstanz stammten.

Von dort aus folgte ein gewisser Bartolo dem Eroberer Otto I (gen. "Otto der Große") nach Italien. Nach dem Rückzug von Otto blieb Bartolo in Pisa, wo man ihn bald wegen seiner Stellung "Notarius Bartolo" nannte. Er war der Großvater des uns schon bekannten Pietro Notarbartolo.

Die Nachfahren unseres Pietro Notarbartolo wussten ihre gute Ausgangssituation – Sekretär eines Königs wurde ja schliesslich nicht jeder Hans und Franz – für sich zu nutzen: Der Stammbaum der Adelsfamilie wurde immer höher und breiter.

Auch im 17. Jahrhundert gab es einen Pietro Notarbartolo. Er heiratete die reiche Erbin Eleonora Cipolla e Graffeo. Dieser neue Zweig der Familie baute in Sciara ein Schloss (siehe Bild oben) und erhielt vom König das Recht, unterhalb von ihm einen Ort zu gründen. Heute sieht er so aus:

Die Gründer des Schlosses ahnten sicherlich nicht, daß hier im 19. Jahrhundert ein gewisser Emanuele Notarbartolo als Kind in den Sommerferien spielen und daß dieses Kind später einmal der unbestechliche Bürgermeister von Palermo und unbequeme Chef der Bank von Sizilien werden würde. Sie werden noch weniger geahnt haben, daß Emanuele einst seinen Anteil am Schloss verkaufen würde, um mit dem Geld einen Musterhof in der Nähe von Sciara zu gründen. Er wollte damit neue landwirtschaftliche Methoden einführen und den faktisch immer noch leibeigenen Bauern zu mehr Unabhängigkeit verhelfen.

Sie werden es wohl schon ahnen: Emanuele Notarbartolo hat sich in Sizilien nicht gerade beliebt gemacht. All seine Ziele liefen denen der Mafia (sie gibt es „offiziell“ seit 1865) diametral entgegen. Das bezahlte er am 01.02.1893 mit dem Leben. Emanuele Notarbartolo gilt als erstes prominentes Opfer der sizilianischen Mafia.

Aber beginnen wir besser ganz am Anfang.

 

Das Elternhaus von Emanuele Notarbartolo

Die Wurzeln der sizilianischen Aristokratie lagen auf dem Land. Sie verdienten dort ihr Geld mit den Produkten ihrer riesigen Güter. Auf die Dauer kann das Landleben aber ganz schön langweilig sein – vor allen Dingen wenn die Arbeit andere tun. Also gönnte man sich große, standesgemäße Villen in Palermo und Vororten wie Bagheria, Casteldaccia und Santa Flavia.

In solch einer Villa, dem "Palazzo Sciara" wurde Emanuele Notarbartolo am 23. Februar 1834 geboren. Der Palazzo Sciara lag in der damals noblen Via Allora, mitten in der Altstadt von Palermo. Die Villa existiert heute leider nicht mehr.

Das Viertel um die Via Allora herum, die Kalsa, war in den Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg von einem noblen Wohnort zu einer verdreckten Mafia-Hochburg heruntergekommen. Ja, so tief kann man fallen.

Den ersten deutlichen Erfolgen im Kampf gegen die Mafia folgte die Wiedergeburt der Kalsa. Sie begann in den 80iger Jahren mit der Gründung kultureller Einrichtungen. Zu den bekanntesten zählt die ehemalige Kirche Lo Spasimo.

Heute sieht man zwar immer noch Spuren der "schlechten Zeit", aber die vielen mittlerweile renovierten Häuser und Villen zeigen deutlich, daß die Beseitigung dieser Spuren nur noch eine Frage der Zeit ist. Im Moment ist also der Besuch der Kalsa eine einmalige Gelegenheit für all diejenigen, die starke Kontraste lieben.

 

Kindheit und Jugend

Im Alter von nur drei Jahre, am 8. Juli 1837 starb die Mutter von Emanuele Notarbartolo während einer Cholera-Epidemie. Ihr 32 Jahre junges Leben endete in einem Massengrab bei der "Chiesa dello Spirito Santo", auch bekannt als "Chiesa dei Vespri". Hier begann am Ostermontag dem 31.03.1282 die Sizilianische Vesper.

Fast auf den Tag zehn Jahre später, am 7. Juli 1847, stirbt auch der Vater von Emanuele Notarbartolo. Das Familiengericht von Palermo bestimmt einen Onkel zum Vormund. Der schickte Emanuele auf das "Collegio Massimo" der Jesuiten in der Via Vittorio Emanuele, nur 100m vom berühmten Dom von Palermo entfernt. Heute ist hier die Bibliothek der Region Sizilien untergebracht.

Das Revolutionsjahr 1848 brachte auch für Palermo unruhige Zeiten: Es kam zu Aufständen gegen die bourbonische Besatzung Siziliens. Eine der Folgen war die Schliessung des Jesuiten-Kollegs. Emanuele ging jetzt auf die Schule der Benediktiner in der berühmten Abtei von Monreale. Aus der heutigen Sicht von "Bildung" kam er allerdings nur vom Regen in die Traufe. Die Ordensschulen betrachteten Kinder als ihre Novizen, bereiteten sie also kaum auf das Leben ausserhalb der Klostermauern vor.

Neben Schreiben und Lesen war das einzig Brauchbare die Arbeit im Garten der Benediktiner. Auf den jungen Emanuele hat genau das scheinbar besonders positiv gewirkt: Er zeigte den Garten später seinem Sohn und berichtete von seiner Freude, selbstgezogenen Salat gegessen zu haben. Vielleicht haben die Benediktiner ungewollt den Grundstein für Emanuele Notarbartolos späteren Modellhof "Mendolilla" gelegt.

Ansonsten wusste der jugendliche Emanuele nach der Schule nicht viel mit sich anzufangen. Zur "jeunesse dorée" Palermos gehörend, vergnügte er sich bei Fecht- und Reitübungen und verbrachte viel Zeit im Schloss von Sciara.

 

Erstes politisches Engagement

Nach ein paar Jahren boten Reiten und Fechten keine besonderen Herausforderungen mehr. Emanuele Notar­bartolo suchte ein neues "Hobby" und stieß dabei – angesichts seiner Vorgeschichte sehr überraschend – auf Geschichte, Politik und Ökonomie.

Die politisch interessierte aristokratische Jugend war damals typischerweise liberal und gegen die bour­bo­ni­sche Besatzung. Treffpunkt der Szene war der Palazzo des Baron Riso an der Piazza Bologni. Heute ist der "Palazzo Riso" Sitz des Museo d’Arte Contemporanea, eines der bestbesuchten Museen ganz Siziliens – sehr empfehlenswert für alle, die von der barocken Wucht der Altstadt erschlagen sind.

Das Erkennungszeichen der Liberalen war ein Unterlippenbart, genannt "la mosca". Der wurde daher nach kurzer Zeit von der bourbonischen Polizei verboten. Emanuele Notarbartolo ignorierte das Verbot, wurde dafür ein paar Stunden eingesperrt und gezwungen, sich zu rasieren. Aus dem Hobby wurde langsam Ernst.

Nach weiteren ähnlichen Episoden hatte er die Nase voll: Emanuele Notarbartolo verkaufte seinen Anteil am Schloss in Sciara an einen Onkel und verließ am 6. August 1857 Palermo Richtung Marseille. Er lebte ein Jahr in Paris, danach drei Monate in London und besuchte Belgien und das Rheinland. Während dieser Zeit las er ganze Bibliotheken über Geschichte, Politik und Ökonomie.

Im Dezember 1858 landete Emanuele Notarbartolo in Florenz. Florenz war damals unter österreichischer Kontrolle, Notarbartolo also nach wie vor im Ausland. Er ahnte aber vielleicht schon, daß die Österreicher die Stadt schon im nächsten Jahr an den sich gerade neue bildenden Staat "Italien" verlieren würden. Das Risorgimento, die italienische Wiedergeburt lag nämlich seit einigen Jahren in der Luft.

 

Militärzeit und die Gründung von Italien

Von dieser Luft dürfte Notarbartolo umso mehr geschnuppert haben, als er in Florenz auf eine Familie des sizilianischen Hochadels traf, die ebenfalls dem Liberalismus und dem Risorgimento nahe stand – die Familie Lanza. Ermutigt durch diese Umgebung schloss sich Emanuele Notarbartolo den Truppen des Risorgimento an.

Eine der bekanntesten Ereignisse des Risorgimento war die Einnahme Siziliens 1860. Sie wurde vom Berufs-Revolutionär Giuseppe Garibaldi angeführt.

Seine Truppe bestand zwar bei der Landung in der Nähe von Trapani aus nur 1000 Soldaten, es gelang ihm aber schnell, die arme Landbevölkerung auf seine Seite zu ziehen. Garibaldi versprach ihnen einfach das, was sie am dringlichsten gebraucht hätten – eigenes Land.

Tatsächlich konnte er aber nicht einmal ansatzweise "liefern", wie man heute so schön sagt. Kein Wunder also, daß die enttäuschten Sizilianer die Neuankömmlinge aus Norditalien bald nur mehr als neue Besatzer wahrnahmen. Die Folge waren Unruhen, die von Resten der bourbonischen Truppen, Briganten und der sich bildenden Mafia weidlich ausgenutzt wurden.

Nicht wenige Sizilianer wünschten sich bald die "alte Ordnung", also die Bourbonen zurück. Für Emanuele Notarbartolo galt das definitv nicht. Seine Auslandaufenthalte hatten ihm drastisch die Unterschiede zwischen dem sich schnell entwickelnden Norden und der erschreckenden Rückständigkeit Siziliens vor Augen geführt. Emanuele Notarbartolo wollte ein neues Sizilien.

Und so wurde er Kommandant eines Batallions, das die öffentliche Sicherheit in Sizilien verbessern sollte. Sein erster Einsatz war sehr heimatnah, nämlich in Bagheria und Monreale.

Die Freischärler-Truppen Garibaldis wurden nach und nach in reguläre italienische Truppen umgewandelt. In ihnen setzte Emanuele Notarbartolo seine militärische Karriere fort. Inhaltlich blieb seine Arbeit aber dieselbe: die Sicherung der öffentlichen Sicherheit – nun allerdings im Gebiet zwischen Neapel und Rom.

 

Erste Ämter in Palermo

Am 25.01.1865 heiratet Emanuele Notarbartolo. Natürlich eine Sizilianerin aus "gutem Hause": Marianna Merlo. Auf die Spuren der Adelsfamilie Merlo trifft man in der Altstadt von Palermo auch heute noch. Es gibt einen "Palazzo Merlo" in der "Via Merlo" und ganz in der Nähe auch eine "Casa Merlo".

Der Palazzo Merlo hat leider viel von seinem ehemaligen Glanz verloren. Er beherbergt heute einige Eigentums­wohnungen und ein Bed & Breakfast Hotel. Die Casa Merlo ist ein Geschäft am nahen Corso Vittorio Emanuele. Hier bieten Nachfahren von Marianna antike sizilianische Keramiken an.

Mit der Heirat verlässt Emanuele Notarbartolo das Militär und zieht im Sommer 1865 mit seiner schwangeren Frau in den Palazzo Merlo, der damals noch vollständig der Familie gehörte. Am 31.10.1865 erblickte hier die Tochter Teresa das Licht der Welt.

Emanuele Notarbartolo war wahrscheinlich reich genug, um nicht arbeiten zu müssen. Er brannte aber darauf, das ganze angelesene Wissen über Geschichte, Politik und Ökonomie anzuwenden. Und so fing er an, sich in das öffentliche Leben Palermos einzumischen. Er schloss sich dazu der "Moderaten Partei" an und gehörte bald zu einem Flügel junger, gut gebildeter, weltoffener Männer aus der Oberschicht.

Der Kopf dieses Flügels war Antonio Starrabba. Ende 1865 wurde Starrabba mit 26 Jahren (!) Bürgermeister von Palermo und Emanuele Notarbartolo Assessor der Stadtverwaltung und damit die rechte Hand von Starrabba. In dieser Funktion machte sich Notarbartolo auch gleich unbeliebt. Er versuchte inbesondere bei der Polizei Korruption und Schlamperei zu bekämpfen.

Die Reformversuche brachen allerdings unter ungünstigen Umständen zusammen: Im Winter 1865/1866 gab es eine Hungersnot, der eine Cholera-Epidemie folgte. Im September 1866 kam es zu bürgerkriegsähnlichen Unruhen, die unter dem Namen "Rivolta del sette e mezzo" bekannt wurden. Erst Truppen der Zentralregierung konnten die Lage wieder unter Kontrolle bringen.

Bürgermeister Starrabba konnte seine Wiederwahl im Mai 1867 vergessen und dankte ab. Emanuele Notarbartolo, seine rechte Hand, tat dasselbe. Dafür gab es aber auch einen weiteren Grund: Die Cholera hatte wieder zugenommen. Daher zog er sich mit seiner Familie aufs Land zurück und nutzte die ruhige Zeit und den Blick auf Berge und Meer zum Nachdenken und Lesen.

 

Hohe Ämter in Palermo

Im Herbst 1867 ging die Cholera-Epidemie zuende und Familie Notarbartolo zurück nach Palermo. Emanuele konzentrierte sich wieder auf die praktische Politik und nahm in seiner Partei die Position von Antonio Starrabba ein.

1869 gründete der die moderate Zeitung "Corriere Siciliano" und widmete sich auch dabei wieder den Themen Korruption und Schlamperei. Diesmal machte er sich besonders bei der aktuellen Regierung unbeliebt: Seine Zeitung deckte gleich mehrere Skandale auf.

Im März 1870 begann Emanuele Notarbartolo seine Arbeit als Chef der Administration des Provinz-Krankenhauses von Palermo. Hier brauchte er keine Skandale aufdecken. Die Missstände waren nur zu offensichtlich. Entsprechend intensiv ging Notarbartolo zu Werke: In drei Jahren harter Arbeit schaffte er nicht nur eine finanzielle Sarnierung, sondern gleichzeitig eine drastische Aufstockung der Betten und die Einführung einer zeitgemäßen Hygiene. Der Preis dafür: in Februar 1873 wurde er selber ernsthaft krank und musste den Job aufgeben.

Nachdem sich Notarbartolo erholt hatte, stürzte er sich wieder in die Politik. Am 26.10.1873 wurde er Bürgermeister von Palermo. Auch jetzt packte er innerhalb nur dreier Jahre grundlegende Projekte an. Dazu gehören die Grundsteinlegung des größten Opernhauses Italiens, des Teatro Massimo, die Verlängerung des "Champs-Élysées von Sizilien", der Via Libertà, und der neue Hafen von Palermo. Der Schwerpunkt seiner alltäglichen Arbeit lag aber, wie immer, auf dem Kampf gegen Korruption und Misswirtschaft.

Ende 1875 kam es in der Banco di Sicilia zu einem Skandal. Misswirtschaft und Korruption hatte sie an den Rand des Ruins getrieben. Am 01.02.1876 wurde Emanuele Notarbartolo zum Direktor der Banco di Sicilia ernannt. Sein Auftrag war einmal mehr: Aufräumen.

Aber selbst für einen Emanuele Notarbartolo waren zwei Höllenjobs mindestens einer zuviel. Er gab daher am 30.09.1876 sein Amt als Bürgermeister auf und konnte sich so voll und ganz der Sanierung der Banco di Sicilia widmen. Und natürlich gelang ihm auch das. In seine Amtszeit fielen nicht nur die Eröffnung von mehr und mehr Filialen in Sizilien, sondern in ganz Italien.

Emanuele Notarbartolo behielt diesen Job auch sehr viel länger als alle vorherigen. Im Februar 1890, also nach gut 15 Jahren, wurde er allerdings in den Ruhestand entlassen. Mit seinem Kampf gegen Korruption und Misswirtschaft war er einfach zu vielen Leuten auf die Nerven gegangen. Besonders feindselig stand ihm ein Mitglied im Vorstand der Bank gegenüber: der Abgeordnete Raffaele Palizzolo. Wir werden ihm später noch begegnen.

 

Der Musterhof Mendolilla – Der Leopard-Gegenentwurf

1873, also im Jahr in dem er vom Chef-Posten des Provinz-Krankenhauses Palermo in das Amt des Bürgermeisters wechselte, kaufte Emanuele Notarbartolo einen Hof auf dem Gebiet zwischen Sciara und Caccamo. In den ersten Jahren konnte er sich kaum darum kümmern. Das Amt des Bürgermeisters von Palermo ließ ihm nur wenig Zeit.

Als er dann aber 1876 zur Banco di Sicilia wechselte, bekam er mehr Zeit für sein "Hobby".

Aber natürlich wäre Notarbatolo nicht Notarbartolo gewesen, wenn es sich nicht um eine echte Herausforderung gehandelt hätte: Tatsächlich bestand der "Hof" aus 125 ha Ödland, das im Sommer unter der sizilianischen Sonne verbrannte. Straßen gab es in dieser Gegend nicht. Zum nächsten Bahnhof der Trenitalia, in Sciara, waren es zwei Stunden per Pferd mitten durch Briganten-Land. Die nächste größere Stadt, Caccamo – heute eine Hochburg des modernen Möbel-Designs – war damals eine Hochburg der Mafia. Nicht zuletzt deswegen baute Notarbartolo 1879 das ehemals kleine Landhaus in eine bewaffnete Festung um. Ausritte wurden mit Karabiner und genügend Munition flankiert.

Eine der ersten Aktionen Notarbartolos war die Suche nach Quellen, um die Wasserversorgung zu verbessern. Danach begann er Stück für Stück mit der Bebauung des Landes. Neben dem für Sizilien typischen Getreide und den Zitrusfrüchten galt seine besondere Leidenschaft dem Weinanbau und der Kelterei.

Und die Motivation für all die Plackerei? Abgesehen davon, daß Emanuele Notarbartolo den Spaten sicher nicht selber in die Hand genommen hat, wurde er wohl von zwei Dingen getrieben: Erstens scheint ihm die Neigung zur Landwirtschaft in die Wiege gelegt worden zu sein und zweitens wollte er es einmal mehr besser machen – besser als all die anderen, im Film Der Leopard gezeigten Land-Barone.

Die nämlich hatten im 19. Jahrhundert begonnen, ihre Ländereien an Verwalter (den sog. "Gabelloti") zu verpachten – allerdings zumeist nur mit Verträgen über drei bis sechs Jahre. Kein Wunder also, daß die Gabelloti nur an ihren kurzfristigen Profit dachten. Nichts lag ihnen ferner als die Urbarmachung neuen Landes, die Entwicklung neuer Anbaumethoden oder gar auch nur der Hauch von Bildung für die von ihnen abhängigen landlosen und meist extrem armen Bauern.

Kein Wunder also auch, daß die sizilianische Landwirtschaft sich nicht entwickelte. Und kein Wunder, daß sich die Gabelloti dagegen sehr wohl entwickelten – nämlich zu einer neuen, einflussreichen sozialen Schicht. Ein Vertreter dieser neuen Schicht ist im Film "Der Leopard" Don Calogero Sedara, der Bürgermeister von Donnafugata, der Sommerresidenz des Leoparden. Einige Historiker sehen in den Gabelloti die Wurzeln der Mafia.

Aus Sicht dieser Leute machte Emanuele Notarbartolo also etwas ganz Unerhörtes: Er überließ Mendolilla keinem Verwalter, sondern kümmerte sich selber um den Hof. Er machte Land urbar und experimentierte mit neuen Anbaumethoden. Er erweiterte sein Angebot indem er z.B. Wein anbaute. Er vermittelte sein Wissen an die lokalen Bauern.

Das Resultat: Notarbartolo hatte mehr Erträge, eine bessere Qualität und interessante Produkte und… sich wieder einmal ziemlich unbeliebt gemacht.

 

Mord und Mordprozess

Mit der Verlassen der Banco di Sicilia im Feb 1890 waren die Auseinandersetzungen Notarbartolos mit dem Bank-Vorstand keineswegs beendet. Anfang 1893 erklärte ein Berufungsgericht die Kündigung von Emanuele Notarbartolo für unrechtmäßig. Die Konsequenzen aus dem Urteil sollten am 3. Februar 1893 in Palermo besprochen werden. Da sich Notarbartolo zu dem Zeitpunkt in Mendolilla aufhielt, nahm er zwei Tage vorher, also am 1. Februar 1893, den Zug von Sciara nach Palermo. Dort kam er allerdings nie an: Noch am Abend wurde seine mit Messerstichen übersäte Leiche auf halber Strecke neben den Gleisen gefunden.

Anfangs hatte die Justiz das Zugpersonal unter Verdacht. Die Angehörigen von Emanuele Notarbartolo vermuteten allerdings einen Strippenzieher im Hintergrund: den Abgeordneten Raffaele Palizzolo. Er war nicht nur einer der mächtigen Gegenspieler Notarbartolos in der Banco di Sicilia, sondern auch bekannt für seine hervorragenden Kontakte zur Mafia. Es stellte sich schnell heraus, daß die Vermutungen der Familie nicht grundlos waren. Zu einer Anklage kam es aber nicht – angeblich aus Mangel an Beweisen.

Leopoldo Notarbartolo, der Sohn Emanueles, ließ sich aber nicht entmutigen. Es gelang ihm tatsächlich, den Prozess gegen Palizzolo weiter zu treiben – diesesmal allerdings in Mailand und Bologna.

Und nun kam man auch offiziell zu dem Ergebnis, daß Palizzolo zwei bekannte Mafiosi gedungen hatte, Emanuele Notarbartolo umzubringen. Palizzolo erhielt daraufhin 1901 eine Gefängnisstrafe von 30 Jahren.

Ein zweiter Effekt dieser Prozesse war aber vielleicht noch wichtigerer: die italien-weite Öffentlichkeit. Wie der Artikel Geschichte Siziliens – Die Mafia beschreibt, war das Wort "Mafia" zwar schon 1865 offiziell vom Präfekten Palermos eingeführt worden, die italienische Öffentlichkeit hatte aber kaum Notiz davon genommen. Nun aber verbreitete es sich in ganz Italien wie ein Lauffeuer. Besonders schockierend war die enge Verbindung zwischen Mafia und Politik. Das Symbol für diese Verstrickungen wurde Raffaele Palizzolo. Man nannte ihn bald den "Abgeordneten-Paten". Auch Emanuele Notarbartolo wurde zweifelhafter Ruhm zuteil. Er ging als erstes prominentes Opfer der Mafia in die Geschichte Siziliens ein.

Der Ruf Siziliens in Italien war wegen seiner Rückständigkeit ohnehin schon nicht besonders – um es diplomatisch auszudrücken. Mit den Prozessen in Mailand und Bologna kam nun auch noch der Makel der Mafia hinzu. Dieses führte zu einer zuerst einmal verständlichen Gegenreaktion aus Sizilien. Man gründete die Bewegung "Pro-Sicilia", um dem schlechten Ruf entgegenzuwirken. Ihr schlossen sich auch Intellektuelle wie Giuseppe Pitrè an. Pitrè war als Schriftsteller und Anthropologe zwar ein besonderer Kenner der sizilianischen Kultur aber wohl blind für deren dunkle Seite.

Denn tatsächlich nutzte die Mafia "Pro-Sicilia" als Brückenkopf im Kampf für ihren Abgeordneten Raffaele Palizzolo. Leider mit Erfolg: Ein Berufungsgericht in Florenz sprach ihn 1905 frei – einmal mehr wegen Mangels an Beweisen. Umrahmt von den Mitgliedern von "Pro-Sicilia" hielt er einen triumphalen Einzug in Palermo. Eine Verhöhnung des Opfers Emanuele Notarbartolo und ein rabenschwarzer Tag für Sizilien.

 

Das Andenken an Emanuele Notarbartolo

Es sollte noch 70 Jahre dauern, bis sich endlich ein rechtsstaatlich basierter, massiver Widerstand gegen die Mafia formierte. Er ist untrennbar mit zwei Richtern verbunden: Paolo Borsellino und Giovanni Falcone. Sie und ihr Team brachten 1986 über 400 Mafiosi gleichzeitig vor Gericht.

Damit hatten sie allerdings auch ihr eigenes Todesurteil gesprochen. Ihre Ermordung wurde allerdings im Gegensatz zu derjenigen Emanuele Notarbartolos nicht unter den Teppich gekehrt. Ganz im Gegenteil – sie machte beide zu Märtyrern und gab dem Kampf gegen die Mafia einen enormen Schub.

Beiden Richtern wurde ein Baum gewidmet. Der Borsellino-Baum steht am Ort des Attentats, der Falcone-Baum vor dem Eingang des Hauses, in dem Giovanni Falcone gewohnt hatte (siehe Bild). Dieses Haus befindet sich – Zufall oder nicht – in der Via Notarbartolo. Emanuele Notarbartolo konnte all das natürlich nicht ahnen. Er wäre aber sicherlich stolz auf die beiden sizilianischen Richter gewesen. Umgekehrt wusste Falcone aber natürlich sehr genau wem "seine" Straße gewidmet war. Vielleicht war dieses sogar ein gewisser Ansporn für ihn.

Aber nicht nur mit der Benennung einer der wichtigsten Straßen Palermos ehrt die Stadt mittlerweile Emanuele Notarbartolo. Auch der nach dem Hauptbahnhof zweitgrößte Bahnhof der Trenitalia in Palermo sowie der alte Flughafen am Rande von Palermo tragen seinen Namen.

Das größte Andenken an Emanuele Notarbartolo hinterliess allerdings sein Sohn Leopoldo. Er strengte nicht nur den aufsehenerregenden Prozess an, sondern er beschrieb auch das Leben seines Vaters auf über 400 Seiten. Als Buch sind diese Erinnerungen erst 1949, zwei Jahre nach dem Tod von Leopoldo erschienen [1]. Den wesentlichen Teil trug er aber bereits in den Jahren von 1911 bis 1916 zusammen, um es dann 1936 noch einmal zu überarbeiten. Leopoldo Notarbartolo ist es also zu verdanken, daß die Geschichte des ersten prominenten Mafia-Opfers nicht in Vergessenheit gerät. Auch dieser Artikel beruht im Wesentlichen auf seinen Erinnerungen.

 

Literatur

[1] Memorie della vita di mio padre, Emanuele Notarbartolo di San Giovanni. Leopoldo Notarbartolo. Pistoia: Tipografia pistoiese, 1949
[2] Il primo delitto "eccellente". Dino Paternostro. Palermo: La Sicilia, 1. Feb. 2009

 

 

 

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