Giuseppe Todaro – Unternehmer gegen die Mafia

Wie sich ein Unternehmer gegen die sizilianische Mafia wehrt

Sizilien und insbesondere seine Hauptstadt Palermo gelten als Ausgangspunkt und Hochburg der Mafia. Zufall oder nicht – Sizilien im Allgemeinen und Palermo im Besonderen sind heute der Ausgangspunkt des erfolgreichen Kampfes gegen die Mafia. Einer der Pioniere dieses Kampfes ist der palermitanische Unternehmer Giuseppe Todaro. Er hat die ihn frührer erpressenden Mafiosi angezeigt und damit hinter Gittern gebracht.

Veröffentlicht am:  22. August 2010

Letzte Änderung:  21. Oktober 2012

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Giuseppe Todaro – Vom Opfer zum Vorkämpfer

"So ist es jetzt und so wird es immer sein" – diesen entmutigenden Satz bekam der palermitanische Unternehmer Giuseppe Todaro ständig zu hören, wenn er sich bei Kollegen über die Erpressungen durch die Mafia beklagte. Dabei ist das Problem nicht so sehr die Höhe des Schutzgelds – auch die Mafia schlachtet nicht die Kühe, die sie melken will – sondern die Einmischung der Mafia in sämtliche unternehmerische Entscheidungen.

Giuseppe Todaro schildert diese Zusammenhänge detailliert im Interview Pizzo, così ho trovato la forza di denunciare gli estorsori (Schutzgeld – so fand ich den Mut, die Erpresser anzuzeigen) mit dem Nachrichtensender TG24 der SKY Italia. Im nächsten Abschnitt ist dieses Interview auf Deutsch übersetzt.

Der stetig steigende Druck der Mafia in Sizilien und die Hilfsangebote der Antimafia-Organisation Addiopizzo haben Giuseppe Todaro dazu bewogen, seine Erpresser anzuzeigen. Motiviert durch seine eigene Geschichte ist Giuseppe Todaro mittlerweile eine der Triebfedern der mit Addiopizzo verbündeten Antimafia-Organisation Libero Futuro. Der Abschnitt Addiopizzo und Libero Futuro – Eine Ökonomie ohne Mafia ist möglich gibt einen Überblick über diese beiden Organisationen.

 

Giuseppe Todaro erzählt seine Geschichte

Anfang 2010 gab Giuseppe Todaro dem italienischen Nachrichtensender Sky TG24 ein Interview, in dem er schildert, wie und warum er seine Schutzgeld-Erpresser angezeigt hat. Das italienische Original des Interviews befindet sich auf der Webseite Pizzo, così ho trovato la forza di denunciare gli estorsori.

Wann hat Ihre Geschichte begonnen?

Alles beginnt 1995 mit dem Start eines Unternehmens in der Industriezone von Cinisi: Das Geschäft lief planmässig an, aber nach ein paar Jahren bittet mich Gaspare Di Maggio um ein Treffen. Der Name sagte alles – eine Mafia-Familie ersten Ranges. Mir war sofort klar, daß es gefährlich werden würde. Di Maggio sagt mir, daß ich sofort zahlen müsse, weil die Firma bereits gut laufe. Getrieben von tausend Ängsten habe ich Freunde, Kollegen und andere Geschäftsleute gefragt. Alle haben mir auf die gleiche Art geantwortet: "So ist es jetzt und so wird es immer sein". So fing ich an, Schutzgeld zu zahlen.

Waren Ihre Verbindungen zu den Erpressern auf Cinisi beschränkt?

Ich hatte zwei Situationen, die sowohl getrennt als auch verbunden waren. Eine in Cinisi mit Di Maggio, mit dem ich mich regelmässig zu Weihnachten traf und zahlte. 1998 kaufte ich dann einen anderen, dem ersten Anschein nach problemlosen Betrieb in Carini. Nach einiger Zeit besuchte mich jemand, der sich um die Instandhaltung des Betriebes kümmern wollte und mir sagte, daß diese in Rechnung gestellt werden würde.

Also ein Schutzgeld mit dem Anschein der "Legalität"?

Sie sagten mir: "Wir gestalten das so, daß Du die Instandhaltung absetzen kannst". Sie wollten mir irgendwie die Lage erleichtern. Das wirkliche Problem war aber nicht die Schutzgeldzahlung, die in meinem Fall ungefähr 2000 Euro betrug. Das ist zwar nicht gerade wenig Geld aber gefährdete die Firma nicht. Das eigentliche Problem war das Eindringen der Mafia in jede Aktivität meiner Firma, von der Elektroinstallation bis zu Erdarbeiten. Sie schrieben mir vor, von wem ich die Arbeiten erledigen lassen mußte.

Dann ist das Schutzgeld eine Art indirekte Kontrolle der Firma geworden?

Der Knackpunkt ist, daß das Schutzgeld eine Eintrittskarte ist. Die Mafia klingt sich auf diese Weise in die Firma ein und nutzt sie vollständig für ihre Zwecke. Die gehört zwar formell Dir aber wenn Du nicht mehr Deinen Elektriker einsetzen oder Bauarbeiten nach Deinen Vorstellungen durchführen darfst, verlierst Du am Ende vollständig die Kontrolle. Sie zwingen Dir sogar die Mitarbeiter auf. Ich konnte das allerdings immer verhindern, da ich spezialisierte Arbeitskräfte brauchte.

Warum haben Sie sich entschlossen, Anzeige zu erstatten?

Ende 2008 hab‘ ich Kontakt mit der Antimafia-Initiative Addiopizzo aufgenommen. Endlich konnte ich mich jemandem vollständig anvertrauen. Ich war nicht mehr alleine. Von da an begann ich die Zusammenarbeit mit der Polizei und weigerte mich Schutzgeld zu zahlen. Die Mafia setzte mich daraufhin unter Druck, wußte aber natürlich nicht, daß sie dabei abgehört wurde. Als genügend Beweise vorlagen wurden all meine Erpresser verhaftet.

Was hat den Anstoß zur Zusammenarbeit gegeben?

Vor allem hat mich angespornt, dass ich nicht mehr alleine bin. Wenn jemand alleine ist, hat er keine Hoffnung. Die Isolation führt dazu, daß Du nicht mehr weißt was Du tun sollst. Ich habe dieses erlebt und als Resultat wurde ich jeden Tage bedroht. Ohne die Verhaftung hätten meine Betriebe wohl Schaden genommen. Sie haben mir gesagt: "Bomben zu werfen ist nicht unser Stil. Wir schneiden Dich einfach von Deinen Kunden ab und dann kannst Du zumachen."

Was hat Ihre Entscheidung noch beeinflußt?

Ich habe es hauptsächlich für meine Kinder getan. Ich hab‘ mich ihnen gegenüber geschämt. Was ist das für ein Vater, der sie zu Gesetzestreue und Bürgersinn erzogen hat und dann seinem Kind sagt: "Weißt Du, da gibt es einen Onkel Pino und dem mußt Du jeden Monat einen Umschlag mit 3.000 Euro geben."

Warum gelingt es nicht allen, dem Schutzgeld-Albtraum zu entkommen?

Die Leute haben einfach Angst ihre Erpresser anzuzeigen. Und dann ist da noch ein Generationenproblem: da rauszukommen ist für die ältere Generation nicht leicht. Ich habe kein Familienoberhaupt in der Firma. Ich habe alles selbst aufgebaut und ich entscheide. Die Kinder meines Alters, die mit ihren Vätern arbeiten könnten das böse Spiel beenden aber sie schaffen es nicht wegen der Eltern. Das Schutzgeld-Problem wurde ihnen in die Wiege gelegt. Ich zähle sehr darauf, daß die Dinge sich bei einem Generationswechsel ändern.

Sie glauben, daß es heute mehr Gelegenheit für Geschäftsleute gibt, sich zur Wehr zu setzen?

Auf jeden Fall. Dieses ist ein historischer Moment, in dem es ausreichen würde, massenhaft Anzeige zu erstatten. Es würde ausreichen, wenn sich in jeder Straße 5 Geschäftsleute zusammentun würden. Wenn du alleine bist, treibst du diesen Unsinn biblischen Ausmaßes. Du weißt nicht, wo Du hin sollst, du weißt nicht, auf wen Du Dich verlassen kannst, du weißt nicht mit wem du darüber sprechen kannst. Heute wird endlich ein Netzwerk aufgebaut und es ist die Stärke von Vereinigungen wie Addiopizzo und Libero Futuro, die Dir den Weg aus dem Schutzgeld-Albtraum zeigen. Ein Netzwerk von unten, das ist die Revolution, die heute den Unterschied ausmacht.

Haben Sie eine Botschaft für Geschäftsleute, die Anzeige erstatten möchten?

Jetzt ist der richtige Moment: sprecht mit jemanden von einer der Antimafia-Initiativen. Laßt euch nicht entmutigen und macht es nicht alleine. Mit Initiativen wie Addiopizzo und Libero Futuro zu sprechen, bedeutet nicht gleich Anzeige zu erstatten sondern zuerst einmal zu verstehen. Die Antimafia-Institutionen und -Initiativen sind die Antwort, die zum Erfolg führt.

 

Addiopizzo und Libero Futuro – Eine Ökonomie ohne Mafia ist möglich

Giuseppe Todaro beschreibt im Interview, wie er sich der Antimafia-Organisation Addiopizzo anvertraut hat und ihm klar wurde, das er nicht mehr der Mafia alleine gegenüber stand. Dieses sei der ausschlaggebende Punkt dafür gewesen, sich eine Konfrontation mit der Mafia zuzutrauen.

Addiopizzo ("Tschüß Schutzgeld") wurde 2004 von jungen Leuten gegründet, die in Palermo eine Kneipe aufmachen wollten. In Palermo bedeutet eine solche Idee, daß man mit einer Schutzgeld-Erpressung rechnen muß, sobald sich der Erfolg einstellt – "So ist es jetzt und so wird es immer sein". Unsere jungen Gründern wollten sich damit einfach nicht abfinden und überlegten, sich mit anderen zusammenzutun. Dies war die Geburtsstunde von Addiopizzo.

Zu Beginn wurden einige Geschäfte von Addiopizzo-Mitgliedern verwüstet. Dieses passierte z.B. der Szene-Kneipe BLOW-UP. Damit hat sich die Mafia allerdings nur selber geschadet. Der italienische Staat entschädigt Mafia-Opfer vollständig und außerdem führten die Verwüstungen zu einer hohen öffentlichen Aufmerksamkeit – und das ist Gift für die Mafia.

Sie hat diesen Effekt bereits bitter zu spüren bekommen, als sie die Erfolge der Mafia-Jäger um den Richter Giovanni Falcone mit Gewaltexzessen im Stil der berüchtigten Mafia-Familien von Corleone zunichte machen wollte. In zukünftigen Geschichtsbüchern wird wahrscheinlich stehen, daß der Mord an Giovanni Falcone der Anfang vom Ende der sizilianischen Mafia war. Wie der Blog-Beitrag Addiopizzo – Erfolgreiche Anti-Mafia Arbeit zeigt, läßt die Mafia also mittlerweile die Finger von Addiopizzo-Geschäften.

Mittlerweile (Stand November 2011) sind fast 700 Geschäfte Mitglied bei Addiopizzo. Viele dieser Geschäfte passen allerdings nicht besonders in das "Beuteschema" der Mafia. Addiopizzo wurde nicht nur von jungen Leute aus der "Szene" gegründet, sondern wird nach wie vor aus dieser Szene heraus angetrieben. Die "ragazzi di Addiopizzo" sind mittlerweile sizilien-weit bekannt. Die Angebote der Addiopizzo-Geschäfte richten sich ebenfalls häufig an junge Leute oder an Leute aus der Kulturszene.

Auch eines der Geschäfte von Giuseppe Todaro paßt in diese Schema. Seine Sportartikel-Kette Triathlet besteht aus drei über Palermo verteilte Läden, die selbstverständlich Mitglied von Addiopizzo sind.

Sehr schwierig dagegen ist der Ausstieg eines gestandenen Mittelständlers, dessen Firma sich bereits im Netz der Mafia verfangen hat. Dieses war der Fall für Giuseppe Todaros Logistik-Firmen Sudgel und Iregel. Das Interview macht mehr als deutlich, was ein Unternehmer durchmacht, der aus solch einer Situation aussteigen will.

Um solch potenziellen Aussteigern besser helfen zu können, gründete sich 2007 ein Ableger von Addiopizzo – genannt Libero Futuro. Die Arbeit von Libero Futuro basiert auf folgenden drei grundlegenden Schritten:

  • Erpressungs-Opfer aus der Isolation holen.
  • Eine Verbindung zwischen dem Opfer und den zuständigen staatlichen Stellen herstellen.
  • Für die Sicherheit der Opfer nach dem Ausstieg, also der Anzeige der Erpresser sorgen.

Im Gegensatz zu Addiopizzo, deren Konzept auf Öffentlichkeit beruht, arbeitet Libero Futuro eher im Hintergrund. Es gibt daher so gut wie keine Presseberichte, Bilder oder Videos. Lediglich die offizielle Gründung von Libero Futuro am 10. November 2007 wurde öffentlichkeitswirksam durchgeführt:

Auch ohne Italienisch-Kenntnisse machen diese Bilder eines klar: Die Antimafia-Bewegung ist im Mittelstand angekommen. Dieses ist umso bemerkenswerter, als noch gut zwei Jahre zuvor, am 21. Januar 2005, in Palermo eine Antimafia-Veranstaltung des sizilianischen Unternehmerverbandes und der nationalen Richter-Vereinigung schlicht vor leeren Stühlen stattfand.

Die Arbeit von Libero Futuro hat sich als ausserordentlich erfolgreich erwiesen. Bereits in den ersten beiden Jahren der Existenz wurden mehr als 100 Aussteiger betreut. Dieses ist zwar relativ gesehen eine kleine Zahl, sie ist allerdings so groß, daß es durchaus der Anfang einer Lawine sein könnte.

 

Antimafia-Reise

Schon die enge Zeitskala der obigen Ereignisse zeigt, wie sehr sich Sizilien und insbesondere Palermo im Umbruch befinden. Andere Beispiele dafür werden im Artikel Mafia – Wie sie in Sizilien zu verschwinden beginnt beschrieben.

Es war also nie spannender und übrigens auch sicherer (siehe Sizilien und Sicherheit), Sizilien zu bereisen.

Reisen nach Sizilien sind natürlich nicht nur wegen des Umbruchs in Palermo interessant. Auch Wetter und Klima machen die Mittelmeerinsel attraktiv für reiselustige Nordeuropäer. Im Frühling lockt die Natur Siziliens besonders Wanderfreunde. Der Sommer ist ideal für alle, die einmal richtig Sonne tanken möchten. Im Herbst kommen all diejenigen auf ihre Kosten, die gerne Städte wie z.B. Palermo erkunden. In der kalten Jahreszeit wird Sizilien von mehr und mehr Nordeuropäern zum Überwintern genutzt.

Man erreicht Sizilien von der Schweiz, Österreich und Deutschland aus am besten mit dem Flugzeug und landet dann auf einem dieser drei Flughäfen:

Palermo, als Zentrum der Antimafia-Bewegung ist natürlich besonders interessant. Die meisten Besucher werden allerdings eine Unterkunft ausserhalb der Großstadt vorziehen. Konsequenterweise sollte der Anbieter dieser Unterkunft Mitglied von Addiopizzo sein. Zusätzlich wäre eine deutschsprachige Abwicklung der Reise ideal.

Tatsächlich trifft all dies auf die Sprachschule Solemar Sicilia zu. Sie bietet in diesen Urlaubsorten Ferienwohnungen an:

Dieser Routenplaner beschreibt detailliert, wie man mit dem Auto von den drei Flughäfen zu den Ferienwohnungen der Sprachschule in Cefalù, der Normannenstadt, Mongerbino (einem Ortsteil von Bagheria) und Santa Flavia gelangt.

Aber auch all diejenigen, die die Nutzung von Bus und Bahn vorziehen kommen schnell von den Flughäfen zu den Ferienwohnungen von Solemar Sicilia. Dabei hilft unter anderem diese Anleitung zur Fahrplan-Auskunft der Trenitalia.

Aber auch Ausflüge lassen sich hervorragend mit der Trenitalia gestalten. Die Webseite Tipps für einen Sizilien-Urlaub mit der italienischen Bahn hilft bei der Planung dieser Ausflüge. Beliebte Ausflugsziele sind z.B. Trapani, die Stadt zwischen zwei Meeren aber auch weiter südlich Agrigento, die Stadt der großen Tempel.

Neben den Unterkünften kann man bei Solemar Sicilia also ebenfalls Italienisch lernen. Die Co-Chefin der Schule ist außerdem eine Expertin der sizilianischen Küche. Auch in kulinarischer Hinsicht gibt es in Sizilien also Einiges zu lernen. Andere Aktivitäten rund um die Sprachschule sind das Wandern zwischen Bergen und Meer und das Relaxen an Siziliens Stränden.

Beim Durchstreifen von Palermo ist es nach dem oben Gelesenen konsequent, Addiopizzo-Geschäfte zu bevorzugen. Die Seite Wegbeschreibung zu ausgewählten Addiopizzo-Mitgliedern bietet dazu eine kleine Auswahl solcher Geschäfte.

Darunter ist auch Triathlet, das Sportartikel-Geschäft von Giuseppe Todaro.

 

 

 

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