Mafia: Wie sie in Sizilien zu verschwinden beginnt

Ein etwas anderer Blick auf die Mafia

Von Sizilien-Urlaubern hört man häufig: "Mafia – hab‘ ich nicht gesehen".

  • Stimmt: Der Mafia-Pate mit der MP unter dem Maßanzug läuft einem in Sizilien nicht mehr über den Weg. Diese Herrschaften sitzen mittlerweile nämlich allesamt hinter Gittern.
  • Stimmt nicht: Das entscheidende Problem für Sizilien ist die Kultur der Mafia – und die ist nach wie vor sehr präsent. Sie kann man nicht einfach wegsperren.

Man sagt, Kultur ändere sich langsam. In Sizilien tut sie es aber mit Vehemenz. Sizilien befindet sich in einer spannenden Phase des Übergangs. Dieser Artikel zeigt Ihnen, wie und wo sie diesen Übergang selbst erleben können.

Veröffentlicht am:  04. Februar 2010

Letzte Änderung:  21. Oktober 2012

Autorin:  

 

Wie die Mafia-Kultur Sizilien lähmt

Stellen Sie sich vor, Sie haben eine gute Geschäftsidee. Eine Umsetzung macht natürlich nur Sinn, wenn Sie genug Geld für Ihren Lebensunterhalt damit verdienen können. Also beginnen Sie zu rechnen – erwartete Einnahmen gegen erwartetet Kosten. Sie werden sich auch mögliche geschäftliche Risiken und Ihre Reaktion darauf überlegen müssen. Das alles ist nichts Besonderes. Überall auf der Welt denken täglich tausende Menschen über diese Dinge nach.

In Sizilien hatten solche Menschen noch bis vor kurzem bei den Kosten und den Risiken eine spezielle Position auf dem Zettel: Die Mafia – in Sizilien auch Cosa Nostra genannt.

Sobald nämlich ein Geschäft gut lief, hatten sie die "ehrenwerte Gesellschaft" im Haus. Sie forderte den "Pizzo", wie das Schutzgeld auf Sizilien genannt wird. Zusätzlich dazu konnte es auch passieren, daß die Mafia versuchte, das Geschäft in ihrem Sinne zu kontrollieren – z.B. dadurch, daß man Ihnen gewisse "Geschäftspartner" oder "Mitarbeiter" aufzwang. Dieser unsägliche Zustand durchzog Sizilien in den letzten 150 Jahren.

Hätten Sie unter solchen Umständen noch Lust Ihre Geschäftsidee umzusetzen? Wohl kaum. Wahrscheinlich würden Sie gar nicht erst auf Geschäftsideen kommen. Denn sie sind aufgewachsen in einer Kultur, in der eine kriminelle Elite keinerlei Interesse an Veränderung, Eigeninitiative, Bürgersinn, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit hat. Der Name der sizilianischen Mafia sagt alles: "Cosa Nostra". Die Paten betrachteten also Sizilien schlicht als "Unsere Sache". Die normale Reaktion: nichts sehen, nichts hören, nichts wissen, nicht auffallen, nichts machen – man könnte ja jemanden stören.

Mittlerweile sitzen aber die obersten beiden Ebenen der Mafia-Hierarchie – insbesondere diejenigen aus Corleone – hinter Gittern. Einen erheblichen Anteil daran hat die Arbeit des Mafia-Jägers Giovanni Falcone. Er bezahlte seinen Erfolg mit dem Leben. Das Bild rechts oben zeigt das Denkmal am Ort des Attentats an der Autobahn vom Flughafen Palermo in die Stadt.

Sämtliche Versuche, eine neue Generation von Paten aufzubauen, konnten die Nachfolger von Giovanni Falcone bisher im Keim ersticken. Mafia-Besitz im Wert von hunderten von Millionen Euro wurde konfisziert. Kein Wunder also, wenn man hört: "Mafia – hab‘ ich gar nicht gesehen".

Dieser Artikel möchte zeigen, dass das nicht stimmt. Im Gegenteil. Die Mafia sieht man nämlich überall in Sizilien. Oder besser gesagt – die Hervorbringungen der sehr wohl noch existierenden Mafia-Kultur. Gleichzeitig zeigt der Artikel, wie rasant mittlerweile die Gegen-Kultur an Fahrt gewinnt.

Eine der Symbole dieser Kultur gegen die Mafia ist die Anti-Schutzgeld Initiative Addiopizzo. Ihr Ursprung ist tatsächlich eine Geschäftsidee: Ein paar junge Leute wollten 2004 in Palermo eine Kneipe eröffnen. Zwangsläufig kam dann aber, wie oben geschildert, das Thema Schutzgeld-Erpressung auf den Tisch. Diese jungen Gründer waren davon derart genervt, daß sie "Addiopizzo" (Tschüß Schutzgeld) gründeten. Mittlerweile gehören dieser Initative 400 Geschäfte und Dienstleister an. Sie alle zahlen kein Schutzgeld mehr. Addiopizzo wird von diversen öffentlichen Institutionen, u.a. der deutschen Botschaft in Italien, unterstützt.

Der Artikel möchte dazu ermutigen, sich diesen kulturellen Wandel direkt vor Ort anzuschauen. Dazu bietet die Webseite Mafia – die Krake verschiedene Tipps zu Reise und Unterkunft. Neben dem Italienisch lernen bietet in der Nähe von Palermo angesiedelte Sprachschule Solemar Sicilia sowohl eine große Auswahl von Ferienwohnungen, als auch Koch-Kurse zur sizilianischen Küche. Die Mehrzahl ihrer Ferienwohnungen liegt in Bagheria (Mongerbino), Cefalù, und Santa Flavia:

 

Sizilien erreicht man von der Schweiz, Österreich und Deutschland aus am besten mit dem Flugzeug. Dazu stehen der Flughafen Catania, der Flughafen Palermo und der Flughafen Trapani zur Verfügung. Zum Hotel oder der Ferienwohnung fährt man idealerweise mit dem Mietwagen. Er bietet insbesondere für Ausflüge in das Landesinnere die höchste Flexibilität. Gerade bei solchen Ausflügen hilft ausserdem ein Routenplaner.

Aber auch mit Bus und Zug kommt man in Sizilien gut voran. Die italienische Bahn Trenitalia ist inbesondere eine Alternative für all diejenigen, deren Ferienwohnung sich in Palermo oder Umgebung befindet. Ausserdem ist der Hauptbahnhof Palermo vom Flughafen in Catania und natürlich auch vom neuen Flughafen in Trapani aus gut mit den Bussen privater Gesellschaften erreichbar.

Sizilien nur wegen des Niedergangs der Mafia zu besuchen, wäre ein wenig schade. Das gute Wetter Siziliens lädt zu mehr ein. Dabei wird der Winter wegen seiner gemäßigten Temperaturen und der hohen Sonnenscheindauer sogar immer mehr zum Fluchtpunkt vieler Nordeuropäer. Der Sommer ist aber natürlich nach wie vor die beliebeste Saison. Sizilien bietet dann Sonne pur. Für Besucher, die gerne wandern, bietet sich der Frühling wegen der explodierenden Vegetation an. Im Herbst laden Städte wie Palermo zu Erkundungsreisen ein.

Sizilien ist übrigens wohl der sicherste Urlaubsort Italiens (siehe dazu den Blog Sizilien und Sicherheit). Urlauber stehen hier nämlich unter dem Schutz von beiden – den Resten der Cosa Nostra und deren Jägern.

 

Historische Bausubstanz

Bröckelndes Palermo – nach Jahrzehnten der Bauspekulationen in den 50er bis 70er Jahren lag die Stadt nicht nur sprichwörtlich in Trümmern und das öffentliche Leben war zum Erliegen gekommen. Stadtteile wurden komplett abgerissen und mit mehrstöckigen Billig-Wohneinheiten zugebaut. Nahezu alle Jugendstilvillen und Prachtstrassen fielen dem Spekulantentum zum Opfer. Möglich geworden war diese als Sacco di Palermo – Plünderung von Palermo – bekannt gewordene Zerstörung der Stadt durch die für Sizilien typische enge Zusammenarbeit von Mafia und Politik. Die Hauptfiguren in diesem Drama waren zwei Politiker der Partei Democrazia Cristiana, Vito Ciancimino (Don Vito), zunächst Baustadtrat, dann Bürgermeister und Salvatore Lima, Bürgermeister und später Europaabgeordneter. Das System war einfach: Baugenehmigungen wurden über Jahre nur wenigen Firmen erteilt, die fast ausschließlich von Strohmännern der Cosa Nostra geführt wurden.

 

Die Qual – so heißt diese Kirche und sie wurde zu einem Symbol für die Wiedergeburt von Palermo und ist untrennbar mit dem Namen Leolucca Orlando verbunden, Bürgermeister von Palermo in den Jahren 1985-90 und 1993-2000. Seine Amtszeit wird als Frühling von Palermo bezeichnet. Er schaffte es, den Einfluß der sizilianischen Mafia zurückzudrängen und vor allem das kulturelle Leben in der Stadt wiederzubeleben. Das Kulturzentrum Lo Spasimo ist eines seiner Projekte – eine verfallene Kirche, in der heute Veranstaltungen und Konzerte stattfinden. Palermo ist mittlerweile eine quicklebendige und faszinierende Stadt mit einem reichen Kulturleben und einer Reihe von Sehenswürdigkeiten aus der Araber- und Normannenzeit. Diese Wiedergeburt von Palermo ist letztlich auch diejenige von ganz Sizilien. Schließlich war Palermo das Zentrum der sizilianischen Mafia.

 

Neubauten

Schmerzhafte Brüche – ein Beispiel für schnell und billig hochgezogen und sich selbst überlassen. Wohnblocks in billiger Bauweise errichtet, deren Mängel nicht behoben werden und irgendwann nur noch der Abriss möglich ist. Die sizilianischen Mafia verdiente hier mit ihren Baufirmen, indem sie hohe Rechnungen schrieben und billiges Material einsetzten. Sie fragen, warum solche Firmen überhaupt Ausschreibungen gewinnen konnten? Ganz einfach – die Mafia saß auch im Bauamt.

 

Neues Gesicht – in der Stadt Bagheria entstehen eine Reihe von hochwertig gebauten Wohnhäusern, teils modern, teils im mediterranen Stil. Die Baugesetze werden in Sizilien mittlerweile streng eingehalten. Eine schlechte Bauqualität wird heute nicht mehr unter den Teppich gekehrt: Seit dem Frühjahr 2009 wurde gleich gegen 22 Personen ermittelt, die man für die schlechte Bauqualität des Krankenhauses von Agrigent verantwortlich macht.

 

Öffentliches Eigentum

In Trümmern – zerfallene Gemeineigentum – in diesem Fall eine Bank aus Beton in einer Kleinstadt in Sizilien – findet niemanden, der sich kümmert. Während dieser Aufnahme kam ein Mann mit einem ironischen Lachen auf uns zu und sagte alles, was dazu zu sagen ist: – Nostre schifezze – unsere Abscheulichkeiten. Man möchte meinen, die Stadtverwaltungen hätten in Sizilien nicht genug Personal. Normalerweise ist aber gerade das Gegenteil der Fall. Der öffentliche Dienst arbeitet wegen der Vielzahl unmotivierter Mitarbeitern, die ihre Stelle nur wegen guter "Beziehungen" bekommen haben, sehr zäh. Die Macher des Anti-Mafia-Fernsehens Telejato nerven daher häufig Bürgermeister, indem sie ihnen vorrechnen, daß sie nur die Hälfte der Mitarbeiter bräuchten, um effektiv arbeiten zu können.

 

Weiter Blick – In den 80er Jahren gehörte das Dorf Altavilla Milicia zusammen mit Bagheria und Casteldaccia zum sogenannten Todesdreieck der Mafia. Hier trugen verfeindete Mafia-Familien einen blutigen Krieg aus. Genau dieser Krieg wird vielleicht in den Geschichtsbüchern als Anfang vom Ende der Cosa Nostra in Sizilien eingehen. Seine Widerwärtigkeit war für die Gegner der Mafia eine enormer Motivatinsschub und brachte vor allen Dingen das Volk auf ihre Seite. Heute ist Altavilla Milicia nicht nur aufgeräumt und gepflegt, es bietet auch gebrauchstüchtige Bänke für erschöpfte Touristen. Und das an einem Ausblick, den man zu einem der schönsten von Sizilien rechnen kann. Zu allem Überfluß bietet hier die schönste Bar von Altavilla Milicia alles für das leibliche Wohl.

 

Müll

Achtlos – Ein gravierendes Problem in Sizilien ist der Umgang mit dem Müll. In der Landschaft abgeladener Hausmüll, überlastete Müllkippen, fehlende Mülltrennung und -verbrennung sind eines der zentralen Probleme von Sizilien. Die Wurzel des Übels ist auch hier die Mafia-Kultur. Sie ist u.a. verantwortlich für die schon im vorherigen Abschnitt diskutierte Ineffizienz des öffentlichen Dienstes aber eben auch für das Fehlen von Bürgersinn: "Was draußen ist, ist mir egal". Für diese Verhaltensweise gibt es im Italienischen ein spezielles Wort: Menefreghismo.

 

Grüne Lungen – Glücklicherweise wird mittlerweile gegen illegale Müllkippen vorgegangen. Wer als Privatperson von den Carabinieri beim Abladen von Müll erwischt wird, ist zuersteinmal sein Fahrzeug los und muß im Nachgang eine saftige Geldstrafe zahlen. Professionelle Umweltsünder wandern ins Gefängnis. Das steigende Umweltbewußtsein hat u.a. dazu geführt, daß Sizilien mittlerweile wieder eine grüne Insel ist. Sizilien verfügt heute über 76 Naturreservate. Die Toskana bietet nur halb so viele. Das Bild oben zeigt eines der bekanntesten von ihnen – die Madonien.

 

Schwarzbauten am Meer

Offene Wunden – man sieht solche halbfertigen Betonruinen glücklicherweise nicht mehr sehr häufig aber es sind nach wie vor genügend, um einige Strände nachhaltig zu verschandeln. Ganze Landstriche wurden in Sizilien in den 70er Jahren ohne Baugenehmigung bebaut, bis der Staat massiv eingriff, Bauten stilllegte und Mafia-Besitz konfiszierte. Ruinen, wie die oben gezeigte sind hierfür Zeugen. Heute ist in Sizilien das Bauen ohne Genehmigung nahezu unmöglich.

 

Dolce Vita – Eine Zeitlang konnte man Schwarzbauten durch Zahlung einer Gebühr legalisieren. Wer davon Gebrauch gemacht hat, kann heute seinen Sommersitz am Meer unbehelligt genießen. Glücklicherweise stehen die Küstenbereiche heute größtenteils unter Naturschutz und es bleibt noch genug Platz für mediterrane Vegetation.

 

Die Villen von Bagheria

Traurige Schönheit – Die Villen von Bagheria sind ein besonders trauriges Beispiel für die destruktive Wirkung der Mafia-Kultur. Bagheria war während des 17. und 18. Jahrhunderts weit über die Grenzen von Sizilien hinaus für seine Villen bekannt. Auch Goethe hat sie sich damals angesehen. Besitzer dieser Villen waren reiche Aristrokraten aus Palermo. Mit dem sehr schön im Roman und Film Der Leopard gezeigten Niedergang der sizilianischen Aristrokratie im 19. Jahrundert begann leider nicht der Übergang in eine Bürgergesellschaft. An die Stelle des ignoranten Adels trat in Sizilien eine neue kriminelle Elite – die Mafia. Ihr waren die wunderschönen Villen egal. Viele von Ihnen vielen der Bauspekulation zum Opfer. Einige "überlebten" in einem traurigen Zustand. Der Film Baaria zeigt sehr schön die Entwicklung von Bagheria im 20. Jahrhundert.

 

Bürgersinn – Mit dem Niedergang der sizilianischen Mafia wächst der Bürgersinn und damit das Bewußtsein dafür, daß man seine kulturellen Wurzeln pflegen muß. Mit dieser Motivation taten sich eine Gruppe von Bürgern in Bagheria zusammen und renovierten die berühmte Villa Palagonia. Ein Teil der Villa dient jetzt als deren Wohnung, der andere Teil ist öffentlich und dient dem Tourismus. Ein hervorragendes Beispiel also für die Wiedergeburt von Bagheria.

 
 

Die Zukunft von Sizilien

Die Mafia in Sizilien – das sind kaum noch Morde und Erpressung, das sind heute vor allem die kleinen und großen Brüche, die im Alltagleben sichtbar werden. Mafia, enstanden auf dem feudalistischen Fundament des 19. Jahrhunderts und gewachsen aus dem mangelnden Vertrauen in staatliche Institutionen, läßt den Bürgersinn und das Interesse an dem, was vor der eigenen Haustür geschieht, verkümmern. Das Phänomen Cosa Nostra durchsetzt die Köpfe und damit die Gesellschaft mit Lethargie und Passivität.

Das offensichtliche Symbol der sizilianischen Mafia ist Beton von minderer Qualität und nicht dazu gedacht, Widersacher mit Betonschuhen im Meer zu versenken, sondern ganze Sadtteile hochzuziehen, die bereits nach kurzer Zeit wieder zu bröckeln beginnen.

Dieser Artikel hat nur einige von vielen sichtbaren Zeichen positiver Veränderungen und langsamen Umdenkens gezeigt. Diese Veränderungen sind eine der wichtigsten Voraussetzungen für die wirtschaftliche Erholung von Sizilien. Der erfolgversprechenste Wirtschaftszweig ist der Tourismus. Sizilien ist jetzt schon sehr gut darauf vorbereitet, leidet aber unter seinem Mafia-Ruf. Die Web-Seite Ferien in Sizilien zeigt, daß die größte Mittelmeer-Insel weitaus mehr zu bieten hat als Mafia, Müll und Madonna.

 

 

 

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