Michele Aiello und die weiße Mafia

Oder der Versuch, das Gesundheitswesen auf Sizilien
in die Hände der Mafia zu bringen

"Die weiße Mafia" heißt ein 1973 mit Senta Berger gedrehter Film über die Machenschaften korrupter Ärzte, die das italienische Gesundheitssystem plündern. Heute bezeichnet man die Mafia in Sizilien als "weiß", weil sie ihre Interessen nicht mehr durch physische Gewalt vertritt. Dieser Artikel veranschaulicht an der Geschichte des sizilianischen Unternehmers Michele Aiello, wie die weiße Mafia funktioniert. Wie in dem eingangs genannten Film geht es auch hier wieder um das Gesundheitswesen. In dieser Geschichte ist die Mafia also gleich doppelt weiß.

Veröffentlicht am:  27. Januar 2011

Letzte Änderung:  21. Oktober 2012

Autorin:  

 

Die weiße Mafia und das sizilianische Gesundheitssystem

Die "Krake" (la piovra), wie die Mafia auch genannt wird, hat viele Arme. Einer davon erpreßt Schutzgeld und nimmt Einfluß auf Firmenentscheidungen bis zur totalen Übernahme (wie es sehr schön der Artikel Giuseppe Todaro – Unternehmer gegen die Mafia beschreibt) ein anderer greift nach öffentlichen Aufträgen.

Was braucht man dazu? Firmen in Mafia-Hand, gierige Unternehmer und gute Freunde in der Politik, die dafür sorgen, dass öffentliche Gelder in die Firmenkassen umgeleitet werden.

Daß Mafia-Geld auch im Gesundheitswesen steckt, dafür gab es seit langem Indizien, denn auf Sizilien gibt es eine Besonderheit. Es gibt viermal mehr staatlich konzessierte aber privat geführte Kliniken als im reicheren Norden Italiens und die Privattarife sind wesentlich höher. Öffentliche wie auch private Kliniken werden aus einem Topf finanziert und Privatkliniken können sich ihre Kosten vom Staat zurückerstatten lassen.

Der Betreiber einer Privatklinik kann sich die lukrativsten Leistungen heraussuchen, wie z.B. Krebstherapie, für die es wesentlich mehr Geld gibt als für die Grundversorgung, die bei den öffentlichen Kliniken verbleibt. Da sich auch die Patienten einen Teil der Behandlungskosten vom Staat zurückholen können, haben die Privatkliniken regen Zulauf. Es geht also um eine Menge staatliches Geld, das angezapft werden kann.

 

Michele Aiello und die anderen

In unserem Beispiel für die Aktivitäten der weißen Mafia spielen natürlich eine große Anzahl von Menschen eine mehr oder wichtige Rolle. Der Übersicht halber konzentrieren wir uns hier auf die drei folgenden Protagonisten:

Michele AielloUnternehmer aus Bagheria, der auch "König Midas des Gesundheitswesens" genannt wird und dem nachgesagt wurde, daß alles was er anfaßt, zu Gold wird. Er wurde im Januar 2011 rechtskräftig zu 15,5 Jahren Haft veruteilt.

Salvatore "Totò" Cuffaro – Mitglied der Unione dei Democratici Cristiani e Democratici di Centro (Union der Christdemokraten und Zentrumsdemokraten, UDC) und von 2001 bis 2008 Präsident der Region Sizilien. Er wurde 2008 wegen Unterstützung der Mafia verurteilt, und feierte dieses Urteil öffentlich als Erfolg, weil er nicht der Mitgliedschaft bezichtigt wurde, sondern "nur" der Unterstützung einzelner Mafia-Mitglieder oder ihr nahestehender Personen. Das Urteil wurde 2010 in 2. Instanz auf 7 Jahre erhöht.

In Italien müssen Urteile in der 3. Instanz bestätigt werden, um rechtskräftig zu sein. Für die entstandenen "Unannehmlichkeiten" trat er zwar als Präsident von Sizilien zurück, ließ sich aber 2008 in den römischen Senat wählen. Im Januar 2011 erfolgte dann das endgültige Urteil: Cuffaro wurde zu 7 Jahren Haft wegen schwerwiegender Begünstigung der Mafia verurteilt und sitzt nun in der römischen Haftanstalt Rebibbia im Gefängnis. Er verliert ausserdem seinen Sitz im römischen Senat.

Bernardo ProvenzanoOberster Mafia-Boss der Cosa Nostra aus Corleone, der Anfang der 1960er Jahre abtauchte und bis zu seiner Festnahme 2006 die Mafia aus dem Untergrund befehligte. "Der Traktor" wie er auch genannt wurde, hat vermutlich 50 Morde auf dem Gewissen und hat der Mafia Anfang der 90er Jahren die Strategie der weißen Mafia verordnet. Er nannte es das "Unsichtbarsein in der Öffentlichkeit".

Zur Geldbeschaffung wurde jetzt verstärkt auf die Kontrolle von Firmen und das Abzapfen öffentlicher Gelder gesetzt. Aus beschlagnahmten Unterlagen geht hervor, dass Bernardo Provenzano vom Unternehmer Michele Aiello Geldzahlungen empfangen hat.

 

Was hat die weiße Mafia für Michele Aiello getan?

Bis Ende der 1990er Jahre verdiente Michele Aiello sein Geld als Bauunternehmer, der seinen Umsatz von 5 Millionen Euro vor allem mit dem Ashaltieren von Feldwegen machte. 1999 schoß der Umsatz plötzlich auf 55 Millionen Euro hoch.

Was war geschehen? Die weiße Mafia hatte Aiello auf verschiedene Weise unter die Arme gegriffen. Sie drückte den Kaufpreis für Gebäude, beschleunigte Genehmigungsverfahren und organisierte billige Bauarbeiter. Aiello revanchierte sich dafür nicht nur mit Geldzahlungen an die Mafia-Familien, sondern beschäftigte auch Kinder der Mafiosi in seinen Firmen.

Ausserdem unterhielt er mit Hilfe von Geldgeschenken und Vergünstigungen ein Netzwerk von Informanten in den verschiedenen gegen die Mafia ermittelnden Behörden, die wichtige Hinweise über den Fortgang der Untersuchungen gaben, so daß Mafiamitglieder frühzeitig gewarnt werden konnten.

 

Was haben Behörden für Michele Aiello getan?

Als Aiello mit seinen Aktivitäten im Gesundheitswesen begann, läuft es zunächst nicht gut. Doch ein alter Freund in der Gesundheitsbehörde weiß, wie man die Rückvergütungen der Region Sizilien hinauftreiben kann und so die Kliniken mit öffentlichen Geldern mästet.

Wie funktionieren die Rückvergütungen? Die Region Sizilien garantiert dem Eigentümer einer Privatklinik eine Teilrückvergütung der Kosten für Therapien bzw. eine Erstattung der Mehrkosten. Dieses geschieht über die regionale Gesundheitsbehörde.

Bis Mitte 1999 laufen diese Rückvergütungen vollkommen regulär ab, doch dann greifen die Tricksereien, die die Rückvergütungen zugunsten der Kliniken von Michele Aiello in schwindelerregende Höhen steigen lassen (wie z.B. die Nutzung von Fotokopien, falschen Angaben oder überflüssigen Dokumentationen, so daß eine Therapie drei- bis viermal zurückvergütet wird). Mehrere 10-Millionen Euro an öffentlichen Geldern fließen in Aiellos Taschen und er wird zum Gesundheitsmagnaten und einer der reichsten Männer Siziliens. Natürlich profitieren alle, die ihm mit wertvollen Tipps dazu verholfen haben mit Geld- und Sachzuwendungen oder einer Arbeitsstelle für ein arbeitloses Familienmitglied.

Anfang 2002 beginnt mit einer bösen Überraschung für Michele Aiello. Das System der Rückvergütugen für Privatkliniken wird geändert und die lukrativen Tricks bringen nichts mehr. Andere Maßnahmen müssen her und werden gefunden.

Um öffentliche Mittel zu erhalten, müssen die Privatkliniken mit der regionalen Gesundheitsbehörde einen Vertrag abschließen, der nur Finanzmittel gibt, wenn die Therapien im Tarifkatalog vorgesehen sind. Dank seiner guten Kontakte werden für Michele Aiellos Kliniken lukrative Ausnahmen definiert.

 

Was hat die Politik für Michele Aiello getan?

Doch Mitte 2003 stoppt die Gesundheitsbehörde in Palermo die Zahlungen an Aiello, da diese "merkwürdig" erscheinden und etwa zur gleichen Zeit werden in der Gesundheitsbehörde Bagheria Unterlagen zu diesen Firmen beschlagnahmt. Aiello wird über die gegen ihn laufenden Ermittlungen von mehreren von ihm bezahlten Maulwürfen, unter anderem ein leitender Antimafia-Beamter des Polizeipräsidiums in Palermo und ein auf das Anbringen von Abhöreinrichtungen spezialisierter Carabiniere, auf dem Laufenden gehalten.

Michele Aiello steht finanziell das Wasser bis zum Hals wenn er es nicht schafft, wieder Zugriff auf die öffentlichen Mittel zu bekommen. Es gibt nur einen Weg: er muß Kontakt zur Politik aufnehmen und diese dazu bringen, sich in seinem Sinne um die Sache zu kümmern. Aiellos wichtigste Bezugsperson in der Politik ist keine geringerer als der Präsident der Region Sizilien, Salvatore Cuffaro, der seit langem "persönliche und politische" Beziehungen zu Michele Aiello unterhält.

Cuffaro bietet seine Hilfe an, das Tarifsystem in Aiellos Sinne zu überarbeiten. Doch damit nicht genug, er hält Aiello auch über die gegen ihn anstehenden Ermittlungen auf dem Laufenden und läßt einem lokalen Boss der Mafia die Warnung vor einer Wanze zukommen, die die ermittelnden Behörden in dessen Haus versteckt haben.

 

Das Aus für Michele Aiello

2003 wird eine groß angelegte Abhöraktion in Bagheria durchgeführt, um den Machenschaften der weißen Mafia auf die Spur zu kommen. Dabei wird immer wieder klar, dass es ein Leck bei den ermittelnden Behörden geben muß und die Observierten offensichtlich Kenntnis von ihrer Überwachung haben.

Michele Aiellos Maulwürfe versuchen, die Untersuchungen zu sabotieren aber letztendlich ist eine Verhaftung Aiellos nicht mehr abzuwenden.

Am 4.11.2003 erfolgt der Zugriff, bei dem auch einige der Spitzel festgesetzt werden. Das Vermögen von Michele Aiello, geschätzte 800 Millionen Euro in Form von mehreren Firmen, Villen, Grundstücken, Fahrzeugen und einem Fußballverein wird zunächst beschlagnahmt und im Sommer 2010 endgültig konfisziert.

 

Das Aus für weiße Mafia?

Das Aus all unsere drei Protagonisten bedeutet leider noch nicht das Ende der weißen Mafia. Bei der Bekämpfung der klassischen, alten Mafia haben die sizilianischen Ermittler seit den Zeiten von Giovanni Falcone ganze Arbeit geleistet.

Die weiße Mafia ist aber zum Teil ein kulturelles Phänomen. Ihr ist daher mit polizeilichen Methoden nur bedingt beizukommen. Wie der Artikel Mafia – Wie sie in Sizilien zu verschwinden beginnt zeigt, gibt es aber durchaus Anlass zur Hoffnung.

Sie beruht insbesondere darauf, daß mittlerweile ein ziviler Widerstand gegen die Mafia begonnen hat. Drei Indikatoren dafür sind die Antimafia-Initiativen Addiopizzo, Libera Terra und Libero Futuro.

Sehr wichtig ist auch die Aufklärungsarbeit in den Schulen. Hier macht sich die Stiftung Progetto Legalità besonders stark. Im Artikel Mit Video-Clips gegen die sizilianische Mafia finden Sie einige Videos des Progetto Legalità transkribiert und übersetzt. Die Video werben für eine Zukunft ohne Mafia. Egal welcher Farbe.

 

Eine mafia-freie Reise nach Sizilien

Für den zivilen Widerstand gegen die Mafia ist auch der Tourismus ein wichtiges Feld. Die Antimafia-Initiativ Addiopizzo ist ein Zusammenschluss von Geschäften, die kein Schutzgeld (mehr) bezahlen. Sie freuen sich insbesondere über ausländische Kunden. Handelt es sich bei vielen Geschäftsinhabern doch um junge, weltoffene Menschen. Ihnen geht nicht nur das Schutzgeld auf die Nerven, sondern vor allen Dingen auch der rückständige Muff der alten Mafia-Kultur. Durch einen Einkauf in ihren Läden stellen Sie als Tourist sicher, daß kein einziger ihrer sauer verdienten Euros in den Taschen der Mafia endet.

Ebenfalls Mitglied bei Addiopizzo ist die Sprachschule Solemar Sicilia. Sie bietet nicht nur Italienisch-Kurse zwischen Bergen und Meer, sondern auch eine Vielzahl von Ferienwohnungen in diesen Urlaubsorten:

Besonders einige der beliebtesten Ferienwohnungen sind mit Heizungen ausgerüstet. Sie eignen sich daher besonders für eine Flucht vor dem grauen, nordeuropäischen Winter in die Sonne Siziliens.

Der Beginn einer Reise nach Sizilien ist für gewöhnlich ein Flug. Er endet auf einem der drei Flughäfen Siziliens:

Von dort aus geht es mit dem Mietwagen aber auch mit Überland-Bussen und der italienischen Bahn Trenitalia zu den Ferienwohnungen von Solemar Sicilia. Dank eines Routenplaners ist die Orientierung sowohl bei Fahrten mit dem Mietwagen, als auch bei Ausflügen mit der Trenitalia sehr einfach.

Neben der Mitgliedschaft bei Addiopizzo spricht ein weiteres, ganz praktisches Argument für die Sprachschule Solemar Sicilia. Sie ist ein sizilianisch-deutsches Familienunternehmen. Sämtliche organisatorischen Dinge lassen sich also problemlos in Deutsch erledigen.

 

Literatur

[1] Die Abhörprotokolle aus dem Jahre 2003 (italienisch) – http://www.90011.it/articolo.asp?idnotizia=3740&tags=speciale-talpe-prima-puntata-anno-2003-bagheria-intercettata
[2] Artikel zur Konfiszierung des Vermögens von Michele Aiello (italienisch) – http://www.newz.it/2010/08/14/palermo-confisca-da-800-milioni-di-euro-a-michele-aiello-tra-i-beni-il-bagheria-calcio-e-una-clinica-oncologica/59545/
[3] Filmische Dokumentation der Konfiszierung – http://www.youtube.com/watch?v=7D3L7RrwhOQ
[4] Dokumentarfilm „La Mafia é bianca“ (italienisch) – http://www.youtube.com/watch?v=bpiyiMpa1r8
[5] Dokumentarfilm „Doppio Gioco“ (italienisch) – http://www.neversleep.it/index.php/a/mafia/documentario-sulla-mafia-doppio-gioco
[6] Thomas Dittelbach – Geschichte Siziliens – Von der Antike bis heute. München: C.H. Beck, 2010

 

 

 

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